Adrenalin
Spaniens Eisenbahnen haben das zweite 'Jahrhundertunglück' in diesem Jahr erlebt. Mindestens 68 Todesopfer! Es tut weh: Den Betroffenen sowieso. Schmerzlich ist es auch für das System Eisenbahn, denn Spanien ist immerhin ein modernes EU-Land mit einem hohen Anteil an Hochgeschwindigkeitsverkehr. Der Imageschaden ist beträchtlich: Das Reisepublikum unterscheidet dann rasch mal nicht mehr zwischen AVE, TGV und ICE.
Was mich vor allem triggert, ist einmal mehr die Berichterstattung: Diffus. Ungenaue Begriffe, was zeigt, dass der oder die Berichtende keine Ahnung vom Schienenverkehr hat. KI trainieren und zur Kontrolle einsetzen, liebe Medien!
Wichtig zu wissen - erklärt aber niemand: Fahren auf Sicht ist bei der Eisenbahn nur beim Rangieren Usanz. Überall sonst braucht es eine Erlaubnis zur Fahrt. Auf Hochgeschwindigkeitsstrecken übernehmen dies Systeme, die einerseits mit den Stellwerken, andererseits über Draht oder Mobilfunk mit allen Zügen im Perimeter kommunizieren. Der Lokführer sieht auf dem Bildschirm des Bordcomputers, bis wohin seine Fahrerlaubnis reicht. Wenn er schneller fährt als erlaubt oder zu bremsen vergisst, wird automatische eine Schnellbremsung eingeleitet.
Auf der betroffenen Strecke ist gestern dieses System ausgefallen, und alle Züge standen still. Normal: Bahnsysteme, auch veraltete, arbeiten 'fail safe'. Jeder Fehler oder Ausfall wird als Entzug der Fahrerlaubnis und somit Befehl zum Halt interpretiert. Wenn dann trotzdem noch ein Zug fährt, hat jemand einen Fehler gemacht.
Beim neuen Unfall ist somit menschliches Versagen im Spiel ist. Bloss wer, wo und warum dürfte nicht so einfach zu ermitteln sein. Aber was passiert? Ein Radiosender beschafft sich das aufgezeichnete Gesprächsprotokoll der Betriebszentrale und gibt es ungefiltert der Öffentlichkeit preis! Absurd effekthascherisch und verantwortungslos: Mein schon erhöhter Adrenalinspiegel geht durch die Decke.
Solche Informationen müssen den kompetenten Stellen vorbehalten bleiben. Sie sammeln alle Fakten, reden mit den Beteiligten und liefern dann ein Pressecommuniqué. Durch den Leak wird nicht die Wahrheit verbreitet, sondern die Öffentlichkeit mit Indizien und Beweismaterial ausgestattet, um bar jeder Fachkenntnis Kommissarin oder Sheriff zu spielen. Auf eigene Faust Schuldige zu finden.
Denn der veröffentlichte Dialog hat es in sich. Blogger Columbo kann kaum glauben, was er in den Morgennachrichten von Radio DRS hört:
Der Zugverkehrsleiter in der Betriebszentrale gibt dem einen Lokführer mündlich eine Fahrerlaubnis. Das kommt vor. Als 'Fahrt auf Sicht': Höchstens 40 km/h, in der Verantwortung des Zugpersonals und nur bis zu einem definierten, nahe liegenden Signalpunkt. Auch dann ist ein solcher Eingriff sicherheitsrelevant und wird nur aus triftigen Gründen vorgenommen: Mitarbeitende der Betriebsführung sind risikoavers erzogen. Mindestens in der Schweiz.
Nun wurde aber offenbar in Spanien dem Lokpersonal mündlich die Erlaubnis erteilt, auf Streckengeschwindigkeit zu beschleunigen. Das ist völlig unverständlich und wäre nicht nur grobfahrlässig, sondern, sorry, kriminell. Und es braucht auch noch einen Lokführer, der effektiv im Blindflug auf 200 Sachen beschleunigt! Den möchte ich erst mal finden.
Wenn es so war, dann gute Nacht. Aber eben: Wir landen nolens volens mitten drin in der Vorverurteilung. Vielleicht gibt es Fakten, die aus dem Gespräch nicht hervorgehen. Es gilt die Unschuldsvermutung, aber das interessiert viele Medien nicht. Crans lässt grüssen.
Ich muss unbedingt meinen Adrenalinspielgel wieder auf Normalnull bringen.
Kommentare