Irrfahrt
- vor 17 Stunden
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Drei Stunden Odyssee! Das schafft nur Hollywood. Die Kritiker reden viel von unglaubwürdigen Kostümen, dem hässlichen Pferd, nicht epochegerechten Waffen und, natürlich, vom Drakkar: Ein Wikingerschiff im Mittelmeer! Agamemnon, verkleidet als Dark Vador! Die Liste ist lang. Ist die Irrfahrt zur Fahrt der Irrtümer verkommen?
Die Odyssee ist Fiktion, und Christopher Nolan kein Altphilologe. Aus dem dreitausend Jahre alten Text ein Fantasy-Spektakel zu machen, verletzt keine Urheberrechte, denn vermutlich ist auch Homer nur ein Pseudonym. Fast fünfzig Jahre sind vergangen, seit ich Gustav Schwabs Nacherzählung gelesen habe, und auch der gymnasiale Unterricht mit viel Altertumsgeschichte liegt lange zurück. Mein Vorwissen beim kürzlichen Kinobesuch war somit ziemlich ausgedünnt.
Trotzdem beschlich mich schon während des Films das ungute Gefühl: Das war doch irgendwie anders! Und voilà: Wikipedia liefert die Fakten. Etwas überspitzt gesagt: Wir werden auf dieser Irrfahrt in die Irre geführt. Sind Riesen in mittelalterlich anmutenden Rüstungen im Film wirkungsvoller als Homers Laistrygonen, die Felsbrocken schleudern? Der Empfang bei den freundlichen Phäaken: Ist er Budgetrestriktionen zum Opfer gefallen? Er hätte bestimmt ins Hollywood-Format gepasst. Dafür erinnert der Showdown in Ithaka an Kung-Fu und übermenschliche Kampftechnik von Mutanten. Immerhin: Sirenen, Scylla und Charybdis entsprechen gängigen Vorstellungen.
Der Film hat Längen, aber die Bilder und Effekte sind, wie erwartet, perfekt. Der Aufbau mit parallelen Schauplätzen in Ithaka, bei Calypso und die Rückblende auf Troia und die Irrfahrt erzeugt Spannung, auch wenn wir den Ausgang der Geschichte eigentlich kennen. Aber was will uns Nolan mit diesem Film sagen, wenn er schon nicht darauf abzielt, den alten Text möglichst authentisch einem zeitgenössischen Publikum zu erschliessen? Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und bin nicht schlüssig geworden. Man kann Odysseus als reuigen Kriegsveteranen sehen, der zu spät erkennt, welche Tragödie seine List mit dem Pferd für Troia bedeutet. Seitenhieb gegen Russland, Trump, Israel?
Wikipedia zitiert lobende Kritiken, die behaupten, Nolan 'hinterfrage männlich geprägte Erzähltraditionen'. Da schlucke ich dreimal leer. Drei Stunden Testosteron, gipfelnd in einem idiotischen Muskelwettbewerb! Reicht eine Circe mit extremfeministisch angehauchtem Diskurs als Gegengewicht? Ausgerechnet sie, die es mit dem Verb 'bezirzen' in die Umgangssprache geschafft hat...
Alle Erotik im Original hat Hollywood sorgfältig zensiert. Wieder einmal darf Gewalt exzessiv gezeigt, Sexualität hingegen nicht einmal angedeutet werden. Warum? Das ist umso fragwürdiger, als Homer durchaus 'moderne' Frauenfiguren und Beziehungen geschaffen hat: Magierin Circe als raffinierte Geliebte. Nymphe Calypso, die sich um Einvernehmlichkeit foutiert und Odysseus, in Umkehrung des Klischees, sieben Jahre lang als Liebessklaven hält. Kommt das im Film rüber? Nausicaa wird gar völlig wegretouchiert: Die süsse Versuchung, die Odysseus das Leben rettet und der er trotzdem widersteht. Nur die treue Penelope passt offenbar in den Raster. Ein starker Charakter mit konventionellen Werten: Sie widersetzt sich zwar den Freiern, aber bleibt Instrument im Machtkampf um den Thron. Zu Gunsten von... Männern. Antipatriarchale Erzählweise?
Mainstream bleibt Mainstream. Ich bin halt ein Textmensch, und bombastisches Spektakel ist ein anderes Genre. Da darf der Bogen manchmal überspannt werden.
Odysseus 2026: Ein bisschen irr, aber voll in Fahrt.
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