Was darf ich sagen?
- 18. Mai
- 4 Min. Lesezeit
Bemerkung: Nunyola ist der zweite Vorname von Frau Glover und nicht Teil eines Doppelnamens, so lese ich im zweiten Teil des Buchs. Dies habe ich im Text nachträglich korrigiert und bitte, die Fehlinterpretation zu entschuldigen.
Ich lese gerade 'Was ich dir nicht sage': Rassismus aus der Perspektive einer 33 Jahre jungen Schweizerin. Die Autorin, Anja Nunyola Glover, ist Soziologin und Expertin für Rassismus mit eigener Beratungsagentur. Sie ist Schwarz. Auch als Adjektiv mit einer Majuskel geschrieben; weiss hingegen setzt sie konsequent kursiv: Die 'woke' Welt mit ihren Sprachgeboten und Verboten ist mir fremd. Der Textmensch will sich austoben, nicht demonstrieren.
Das Buch wurde mir empfohlen. Ich gebe es zu: Sonst hätte ich es nicht gekauft. Was ich daraus erfahre, ist manchmal schockierend, manchmal ärgerlich, und mit vielen Aussagen bin ich nicht einverstanden. Kein Problem: Lesen ist auch dazu da, Andersdenkenden zuzuhören. Ein Buch kann man einen weglegen und später weiterlesen. In einem kontroversen Gespräch verliert man rasch den roten Faden. Oder schlimmer: Die Nerven.
Dieser Blog bezieht sich nur auf den ersten Teil: 'Die Verletzungen'. Vielleicht melde ich mich am Ende der Lektüre in einem weiteren Beitrag zurück. Rezension? Bewahre. Der Text ist schwer einzuordnen: Ich-Form. Lebensbericht. Häufig redundant, manchmal anekdotisch. Langatmige Exkurse, bisweilen akademisch abgehoben. Kein Roman. Sachbuch? Zu erdrückend subjektiv, trotz Zitaten und Quellenhinweisen. Sogar die NZZ hat das Buch auffällig knapp gewürdigt.
'Was ich dir nicht sage': Frau Glover sagt viel. Alles, was sie den Leuten sonst nicht ins Gesicht zu schleudern wagt. Beschreibt Alltagsszenen und verwandelt ihr Gegenüber unvermittelt vom Er/Sie zum Du. Schafft damit nicht Nähe, sondern markiert Abstand. Erhebt die Episode zum Fallbeispiel mit aggressiver Du-Botschaft an die Leserinnen und Leser. Was darf ICH dazu sagen?
Auf mich wirkt der Text aufdringlich. Das Thema Rassismus ist sowieso ein Minenfeld. Jedes noch so gut gemeinte Wort kann falsch sein. Und mir fehlt der persönliche Bezug. Meine Meinung ist entsprechend einfach gestrickt: Es gibt keine 'Menschenrassen'. Rassist oder Rassistin ist, wer das Gegenteil behauptet und diese 'Rassen' klischiert. Ein böser Rassist bewertet sie nach gut und schlecht. Schwarz oder sonst was: Niemand darf für Merkmale diskriminiert werden, für die er oder sie nichts kann.
So weit, so simpel. Das ruft nach einer Differenzierung: Es gibt unterschiedliche Ethnien. Kulturen, die uns fremd sind. Das gilt für Schwarze wie für weisse Menschen. Die Behauptung, alles Fremde sei bereichernd, ist Ideologie. Ich möchte beispielsweise nicht in Indien leben, verstehe die Franzosen besser als die russische Seele. Die koreanische Lebensphilosophie mit ihrer Fokussierung auf Leistung und Normen finde ich kalt und brutal. Und ja: Afrika ist mir sehr fremd. Das Zusammenleben der Ethnien ist dort mindestens so unfriedlich wie anderswo. Tribale Strukturen zementieren Unrecht, das die weissen Europäer überwunden haben. Ich finde es zu einfach, allein dem Kolonialismus dafür die Schuld zuzuschieben.
Mit diesen Aussagen wäre Frau Glover vermutlich nicht einverstanden: Rassismus sei 'systemisch'. In der Schweiz. Bei weissen Menschen ganz allgemein. Pardon: Das entspricht dem Prinzip der Erbsünde. Schuldig auf Grund der Geburt: Eine krasse Form moralisierender Menschenverachtung. Als Humanist und Atheist ziehe ich da die rote Linie.
Die Autorin beschreibt über 150 Seiten, wie sehr sie der systemische Rassismus verletzt. Keine Frage: Das N-Wort ist inakzeptabel, es sei denn in historischen Originaltexten. Auch die Wut auf Blackfacing kann ich nachvollziehen; es handelt sich allerdings um eine Facette einer viel umfassenderen Diskussion um Anstand und Respekt: Die Grenzen zwischen Verkleidung, Kunstfigur und klischierter Verspottung. Zwischen Humor in der Sache und herabwürdigendem Angriff gegen Personen.
Bei der kulturellen Aneignung sage ich: Stopp. Zu ideologisch. Die Urheberschaft einer kulturellen Leistung darf nicht zum Qualitätskriterium werden. Wer Claims absteckt, reisst Brücken ein, statt Verständnis zu wecken. Das Prinzip führt sich selbst ad absurdum: Man stelle sich das Jodlerchörli vor, das auf der Website Sängerinnen und Sänger mit 'nachgewiesener Schweizer Abstammung' sucht. 'Rassisten! Nazi!' Klarer Fall von Diskriminierungsfalle.
Komplizierter sind die alltäglichen Situationen. 'Woher kommst du?' Fettnapf: Der Unmut einer Schwarzen Person ist nachvollziehbar. Eine mürrische Mitreisende im Zug, die ungern den mit Gepäck belegten Platz freigibt? Erleben wir alle. Man darf sich ärgern, muss aber auch einsehen: Menschen sind oft ungeschickt, aber lernfähig. Weisse und Schwarze. Der Grad zwischen verletzt werden und Selbstverletzung wird schmal.
Nun zum Ärgerlichen. Sich für ihre Leistungen wortreich selbst auf die Schultern zu klopfen und dabei 'uns Weissen' böswillige Nichtanerkennung zu unterstellen, finde ich unelegant. Besonders irritieren mich die ausführlich geschilderten Empfindlichkeiten oder gar Ressentiments gegenüber Kundinnen und Kunden ihrer Agentur: Als selbständige Beraterin muss Frau Glover damit leben, dass ihre Resultate bezahlt, aber nicht zwingend umgesetzt werden. Ihr Gegenüber als Lohnempfängerin herabzuwürdigen, ist wohlfeiler KMU-Speech. Natürlich ist es ärgerlich, für Massnahmen engagiert zu werden, die eher als Feigenblatt statt ernst gemeinte Auseinandersetzung mit Rassismus gedacht sind. Seien wir ehrlich: Es ist auch ihr Fonds de Commerce. Und der Diversitätsfimmel in der Wirtschaft ist verlogen und bereits passé.
150 Seiten, die weh tun: Dieser Frau geht es nicht gut. Sie beisst sich in perfektionistischer Kompromisslosigkeit fest und will die weisse Welt für ihre Sache sensibilisieren. Da erscheint es paradox, dass sie darunter leidet, 'immer alles erklären' zu müssen. Ihr Text wirkt als Schmerzensschrei einer Person, die sich zu viel aufgeladen hat. Das minutiös geschilderte Rückenleiden ist mehr als ein Symbol.
Rassismus: Wer leidet, sucht nach Schuldigen. Wir. Die Weissen.
Schade. Über sein eigenes Leiden ein Sachbuch schreiben funktioniert nicht. Die Botschaft - 'Gib mir recht, oder sei ein Rassist' - wirkt erpresserisch. Frau Nunyola Glover gewinnt meine Empathie, aber nicht die Anerkennung als Fachperson.
Und nochmal schade: Es gibt einen einzigen Menschen, der sie aus diesem Hamsterrad befreien kann: Sie selbst.
Ich muss sie nicht fragen, wie sie über meine Einschätzung denkt. 'Systemischer Rassismus.' Ich ertrage das Verdikt mit Respekt, aber ohne Wohlwollen. Das Buch regt zum Denken an, aber baut keine Brücken.
Natürlich werde ich es fertig lesen.
Dazu sagen, was ich denke: Das darf ich.
In der Hoffnung auf ein konstruktiveres Fazit.
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