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Buchhalter

  • vor 18 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Buchhalter ist ein ehrbarer Job für gewissenhafte Menschen, die es auch mal ganz genau nehmen. Er - oder sie - bringt Ordnung in die Finanzen einer Unternehmung und sorgt damit für Transparenz und Zuverlässigkeit. Und dennoch: 'Buchhaltermentalität' ist kein Lob. Damit kritisieren wir die Tendenz vieler Menschen, irgendwelchen unbedeutenden Details hinterherzurennen, statt sich ums Grosse Ganze zu kümmern. Mikromanagement. Übersteuern und dann mit neuen Eingriffen korrigieren, die wieder korrigiert werden...

Wir kennen das Lied: Wenn der Staat beginnt, sich in die Lebenspläne seiner Bürgerinnen und Bürger einzumischen, wird weniges besser und vieles schlechter. Verbots- und Gebotsunkultur ist das Feindbild 'bürgerlicher' Politik. Im Prinzip. Denn gerade zeigt unser Bundesrat - 'bürgerlich' dominiert - Buchhaltermentalität in Reinkultur.

Wespennest, sagt die NZZ, und meint die Debatte um die Frühpensionierung. Aktuell ist sie ab 58 Jahren möglich - eine liberale Regelung. Denn: Der Staat finanziert keine Frührenten. Die Arbeitnehmer tragen allein die Verantwortung über den finanziell folgenschweren Entscheid, ob sie bis 65 arbeiten möchten. Wenn nein, gilt bei der zweiten Säule ein tieferer Umwandlungssatz, und statt AHV zu beziehen, darf man bis zum ordentlichen Rentenalter die Beiträge aus der eigenen Tasche bezahlen.

Was mich betrifft: Ich habe mich mit 62 zu diesem Schritt entschieden - natürlich nicht spontan, sondern nach jahrelangen, gründlichen Vorausberechnungen. Meine Überbrückungsrente habe ich selbst vorfinanziert. Und ich zahle seither auch nicht weniger Steuern. Der Frührentner als egoistischer Profiteur ist eine Märchenfigur. Nicht nur in meinem Fall.

Nun will der Bundesrat einschreiten: Fertig mit Lustig. Rente frühestens ab 63 Jahren, mit ein paar Zückerli für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die nach sechzig den Job verlieren. Begründung: Wir seien ein Volk von Faulenzern geworden. Schon lange hat sich - gerade die angeblich liberale 'bürgerliche' Nomenklatura - gegen die Trends der modernen Gesellschaft eingeschossen. Home Office? Faule Ausrede, um den Hund spazieren zu führen und die Wäsche zu erledigen. Teilzeitarbeit? Pfui, wir haben euch ausgebildet, damit ihr arbeitet und Steuern bezahlt. 100%, bitte sehr. Dass insgesamt die Arbeitsquote steigt, wird geflissentlich verschwiegen . Denn das traditionelle Familienmodell - Ernährer mit 100%-Job, Frau und Mutter ohne oder mit geringem Arbeitseinkommen - ist längst angezählt, wenn nicht ausrangiert. Es gibt mehr junge Akademikerinnen als männliche Studienabgänger.

Der Angriff gegen die Frührente passt nahtlos in einen immer unverschämter geäusserten Ruf nach einer Art 'Lebensarbeitszeit'. Wobei offensichtlich nur als Arbeit gilt, was einen steuerpflichtigen Lohn mit sich bringt. Die Studentin an der ETH liegt, so betrachtet, nach der Matur ein paar Jahre auf der faulen Haut, und ihre Ausbildung ist erst noch subventioniert. Und der Vierzigjährige mit 70%-Pensum, der eineinhalb Tage seine Kinder betreut? Ein Steueroptimierer! Ist das noch konservative Blindheit oder bereits ideologische Verblendung?

Wenn wir schon dabei sind: Die Diskussion der 'Linken' um Wochenstunden, Ferien und Elternzeit greift genauso zu kurz. Sie ist ebenfalls in einer Vergangenheit gewerkschaftlicher Anliegen stecken geblieben, für welche es immer weniger 'Kundinnen' und 'Betroffene' gibt. Der Mainstream der Schweizerinnen und hier Niedergelassenen leistet Brainwork. Wer 80% motiviert arbeitet, leistet häufig mehr als der Hundertprozenter, der fünf Tage pro Woche unkonzentriert in den Bildschirm starrt. Ein Spaziergang ausserhalb der 'gestempelten' Zeit bringt die Erleuchtung für eine Vorgehensweise, bei der man eine Woche rascher ans Ziel kommt. Oder mit mehr Qualität.

Ich wiederhole mich: Wir alle lieben die Arbeit. Nicht immer die, wofür wir bezahlt werden. Noch weniger die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz. Den Chef oder die Chefin. Die Produktivität der gesamten Gesellschaft kann man am wirkungsvollsten steigern, indem man diese 'Soft-Factors' positiv nutzt. Da liegt viel mehr Potential brach als bei den vorzeitig Pensionierten.

Wir brauchen Leader. Empathische Personalentwicklerinnen. Vorgesetzte, die gern mit Menschen zusammenarbeiten. Keine Buchhalter im Bundeshaus, die uns vorrechnen. wir hätten - vielleicht - nicht rentiert.

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