Sucht? Suchen!
- vor 2 Tagen
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Die Sonntagspresse liebt zeitlos Zeitgeistiges. So fragt die NZZ - ernüchtert? erfreut? - ob die Social Media bereits den Zenith überschritten hätten: Juristische Verfahren gegen die Betreiber, wachsende Abstinenz beim Publikum... Und holt aus zum üblichen Rundumschlag: Polarisierung der Gesellschaft, psychische Probleme Jugendlicher, Blasenbildung, ungebremste Propagierung extremer Inhalten, Suchtverhalten...
Man muss Meta und Co. nicht schönreden. Aber in dieser Debatte verheddern sich Ursache und Wirkung. Fataler Irrtum: Social Media können Ideologien, schädliche Gedanken, negative Selbstbilder oder extreme Meinungen zwar verstärken, aber nicht erschaffen. Wie alle Medien, liebe Qualitätsjournalisten... Die juristischen Schritte gegen die mächtigen Weltkonzerne sind politisch motiviert: Niemand wird schlüssig nachweisen können, dass ihre Algorithmen 'süchtig machen'.
Zweiter Irrtum: Wenn die Nutzer und Konsumentinnen sich umgarnen lassen, müssen Verbote her. Der Mahnfinger wird wieder einmal zum Drohfinger. Ausser bei universellen ethischen Werten war Prohibition noch nie zielführend. Stopp der Verbotsgesellschaft!
Dritter Irrtum: Die KI-Algorithmen sind bösartig raffiniert. Dähler postet Modellbahnvideos? Thomas will folglich solche anschauen. Ich klicke auf einen Post mit Märklin Zügen der Sechzigerjahre? Mein Feed ist voller Vorschläge mit Retro-Anlagen. More of the same: Die KI fixt uns mit dem an, was wir schon konsumiert haben. Der Bildung von Bubbles mag das zuträglich sein. Besonders intelligent ist das Verfahren aber nicht. Und leicht durchschaubar.
Vierter Irrtum: Das Handy ist schuld. Mein Smartphone ist Lexikon, Zeitung, Zahlungsmittel, Fahrplan, Karte. Dank ihm habe ich jederzeit und (fast) überall Zugang zu Informationen. Unersetzlich! Wer sich mit einem 'Dumb-Phone' brüstet, hat kapituliert.
Fünfter Irrtum: Social Networks scheffeln, den Usern zuleide, Milliarden. Ich habe noch nie einen Rappen bezahlt, höchstens als aktiver Content-Einsteller 'Gratisarbeit' geleistet. Freiwillig. Lästige Werbung? Sie ist im analogen wie im digitalen Leben allgegenwärtig: Tischset im Restaurant, Infobildschirm im öV, TV, NZZ Online... nota bene Orte, wo ich zahlender Kunde bin. Und auf Instagram und YouTube - andere Plattformen nutze ich nicht - gibt es nebst Überflüssigem viel gut gemachten Content.
Sechster Irrtum: Wer auf Insta und Co. postet, ist doof. In meinem neuen Roman könnt ihr Julia und ihren Kanal auf YouTube kennenlernen: Sie lebt ihren Videoblog, sie produziert ihn nicht. Aufmüpfig, zeitgeistig, laut, modebewusst: Es könnte 'juliaissad' geben. Okay, ihre Posts sind meistens zu intelligent, um in zwei Tagen eine Viertelmillion Klicks zu ernten wie die selbstverliebte 'Dani Klieber'. Zu gesellschaftskritisch, um sich in Zuckerbäckerromantik zu verlieren wie 'Stine und Marc', 'julesboringlife' und viele, viele andere. Sie kommen der dummen KI zupass: More of the same, Mainstream tauglich. Viele beginnen witzig, informativ, originell und laufen sich mit Posts im Tages- oder Wochenrhythmus rasch zu Tode. Qualitativ.
So gesehen hat die NZZ recht: Zenith erreicht.
Wichtigster Irrtum, liebe Kritikerinnen und Abstinenzler: Den Algorithmen ist niemand ausgeliefert. Alle Plattformen haben eine Suchfunktion! Bevor ich mir einrede, süchtig zu werden nach dem, was ich schon zur Genüge gesehen habe, darf ich dort finden, was mich wirklich interessiert.
Die Jugend? Mit Lamento und Verboten ist ihr nicht gedient. Mit einem Suchtbegriff, der sie zu Opfern stempelt, statt zur Selbstverantwortung zu erziehen, noch viel weniger. Reden wir doch einfach darüber, wie wir die Errungenschaften der modernen Welt sinnvoll nutzen, statt sie zu verteufeln. Das gilt nicht nur für Social Media und Smartphone.
Ich bin überzeugt, fast alle können es lernen.
Die Menschen sind besser als KI. Viel besser.

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