Lagerfeuer
- vor 3 Tagen
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200 sind die Hälfte von 335?
Ich habe es schon immer geahnt: Unsere Politiker können nicht rechnen! Halbierungsinitiative: Eine Hälfte deutlich rechts der Mitte. Wie die Initianten.
Ob zweihundert Franken oder dreihundertfünfunddreissig: Die Zwangsgebühr für die SRG ist ein seltsames Ding. Keine Steuer. Auch keine Sozialversicherung - alle zahlen gleich viel und kriegen dasselbe. Wie beim Metzger. Bloss dass in diesem Fall auch die Vegetarierinnen und Veganer zur Kasse gebeten werden. Dem liberalen Geist behagt das nicht.
Eigentlich ist die SRG ein ganz normales Medienhaus und kämpft gegen harte Konkurrenz um Publikum und damit um Werbeerträge. Private klassische TV- und Radiosender gibt es zuhauf, und Online wird auf allen Kanälen Content publiziert wie noch nie. Mit und ohne Bezahlschranke. Wer sehr viele Follower mobilisiert, kann auch privat als Influencer oder Komödiantin auf Social Media Geld verdienen.
Brauchen wir da tatsächlich auch noch grosszügig bezuschussten 'Service publique'?
Die Emotionen gehen hoch. Für die Initiativgegner und SRG-Fans ist klar: Es geht um den Fortbestand der Nation. Da wurde von 'Lagerfeuer' gesprochen, wenn früher die halbe Schweiz abends 'Dopplet oder nüüt', den 'Teleboy' oder 'Aktenzeichen XY' reinzog. Zu Zeiten der Expo 2002 dann etwas nüchterner und nobler: 'Idée Suisse'. Ziemlich unbescheiden. Das weckt Antipathien. Die Demokratie wird so nicht gerettet. Wer zahlen muss und nicht möchte, macht die Faust im Sack, statt 'Arena' zu schauen.
Pragmatisch gesehen: Wenn schon, wollen wir Qualität, und eine Rosskur macht die Produkte nicht besser, das Angebot nicht ausgewogener. Privatisieren? Die hidden Agenda der Initianten. Funktioniert das? Welche Investoren sollten sich für einen solchen Brocken in einem kleinen Markt interessieren? Dass libertäre Amis, die Russen oder China zugreifen, um unsere Demokratie an die Wand zu fahren, ist Abstimmungspropaganda.
Ich komme gut ohne politisches Fernsehen aus. Musik und Filme kann man sowieso auf zig Kanälen konsumieren, und die 'typisch schweizerischen' Serien haben mich selten fasziniert. Okay, da gab es mal die 'Direktorin'; in jeder Folge waren RhB-Züge zu sehen... Trotzdem finde ich, wir sollten auf eine Hauruckübung verzichten.
Politisches Fernsehen? Dass die Inhalte Links-, Rechts- oder sonst irgendwie Drall haben, ist eine Unterstellung. Ich zweifle nicht an der Professionalität der TV-Macherinnen und Redaktoren, aber ich mag das Medium nicht. Aufdringlich. Ich fühle mich belehrt und gemahnfingert. Ich bin ein Textmensch, auch beim Konsum von Informationen.
Als Leser kann ich das Tempo meiner geistigen Tagesform und den Vorkenntnissen anpassen. Mal rasch querdurch. Mal nach wichtigen Aussagen zum Fenster hinausblicken und darüber nachdenken. Der Journalist kann mich weder mit angedeutetem Lächeln, bitterernster Miene noch irgendwelchen Gesten ablenken und manipulieren. Die Interviewpartnerin darf sagen, was sie denkt, ohne dass ihr jemand dreinredet. Und wenn ich einen Kommentar tendenziös finde, lese ich meistens unter 'Passend zum Artikel' eine differenziertere Betrachtung. Ich bleibe Meister meiner Zeit und darf bestimmen, was mich interessiert. Oder nicht.
Nein, ich habe kein Bedürfnis, mich ans Lagerfeuer zu setzen. Trotzdem: Die SRG ist eine wichtige Kraft in der Schweizer Medienlandschaft. Nicht staatstragend, aber systemrelevant. Kein Übel, aber wahrscheinlich notwendig. Die Kanäle erreichen ein grosses Publikum. Das beeinflusst auch den klassischen Textjournalismus, den ich liebe.
Positiv, nehme ich an.
Wir wollen Qualität. Die gibt es nicht gratis.
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