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Feindbild

vor 11 Minuten
2 Min. Lesezeit

Vor gut vier Jahren haben wir gelernt, was wir längst ahnten: Es gibt schlechte Kriege. Politiker und Medien wurden nicht müde, die sperrige Bezeichnung für Putins 'Spezialaktion' in unsere Hirne zu hämmern: 'Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg'.

Denn: Wir sollten den guten Krieg unterstützen. Den der Verteidiger.

Seltsamerweise ist es ein und derselbe.

Das Thema ist unterdessen unübersichtlich geworden: Bei Hamas und Hizbullah vs. Israel gibt es nebst dem Krieg auf dem Terrain einen nicht minder hässlichen um Gut oder Schlecht. Bei USA vs. Iran haben wir gestaunt: Wie war das schon mal mit 'völkerrechtswidrig'? Ist ein selbsternannter Anwärter auf den Friedensnobelpreis nun ein Aggressor oder ein - naja, sagen wir mal: naiver - Kämpfer für die Wiederherstellung der Weltordnung? Pardon: Unordnung. Es gibt dumme Kriege und saudumme.

Krieg ist Krieg. Zwei Streithähne verbarrikadieren sich hinter Argumenten, die ihre Interessen schönreden. Die iranischen Religionswächter und MAGA-Trump machen es uns leicht: Beide sind, aus unterschiedlichen Gründen, unsympathisch. Darum haben die Deutungshohen Stimmfreigabe beschlossen, und wir dürfen selbst urteilen. Oder verschämt wegschauen. Bloss keine Panik: Ein Auto besitzen ist teuer. Der Benzinpreis beeinflusst die Gesamtkosten nur marginal. Das ist kein Narrativ, ich habe nachgerechnet.

Zurück zum gerechten Krieg, der mutigen Ukraine und ihrer - hkchmmm - sympathischen Regierung. Kürzlich habe ich eine ausführliche Reportage über Frauen gelesen, die sich freiwillig der Armee anschliessen. Fronteinsatz im Donbass, wohlverstanden. Geben sich Nicknames, als wären sie Avatare in einem VR-Spiel. Töten aus Überzeugung. Dass sie dabei die eigene Gesundheit ruinieren und ihr Leben aufs Spiel setzen, beweist, was Heldentum wirklich ist: Ein euphorischer Machtrausch in einer Situation der Ohnmacht. Wenn man nicht ändern kann, was einen kaputt macht, findet man es eben gut. Trauma. Verstörend.

Das Ganze kommt, zeitgeistig und zivilgesellschaftlich, mit einer Prise Feminismus hinüber. Sich beweisen gegen die patriarchalen Strukturen der Kampftruppen. Karriere machen gegen Widerstände. Vorurteile widerlegen, Frauen seien den Strapazen nicht gewachsen. Geschlechterkampf angesichts des Tötens... Die schrecklichste Erkenntnis wird ausgeblendet: Auch im Schützengraben auf der andern Seite kämpfen Menschen, die entweder keine Wahl hatten oder glauben, eine unvermeidliche Mission zu erfüllen.

Narrative bestimmen alle Konflikte. Der Kern Wahrheit, der drin steckt, lenkt ab vom wesentlichen Irrtum: Frieden nach Sieg? Russland kann nicht besiegt werden, es kann aber auch nicht gewinnen. Also ist irgendwann Schluss. Was dann? Zwei Todfeinde an einer willkürlichen Grenze, welche Trumps Schwiegersöhne, die EU, China und vielleicht noch Indien am Verhandlungstisch ausknobeln. Hüben eine Autokratie, mit oder ohne Putin. Drüben eine Demokratie ohne Meinungsfreiheit, denn die Heldinnen und Helden werden das Ruder nicht aus der Hand geben. Ultranationalistische Trümmerfrauen und -männer, mental ausgebombt. Allzeit bereit, die Staaten, die den gerechten Verteidigungskrieg ermöglicht haben, zu erpressen.

Nichts ist so langlebig wie Feindbilder. Siehe Europa und den Kalten Krieg: Endlich darf man Russland wieder fürchten und hassen.

Verstörend.

Zum Glück sind wir neutral. Auch ein Narrativ, Herr Blocher.

Partei nehmen ist menschlich und manchmal auch opportun. Wann aber kommt der obligatorische Warnhinweis für Medienberichte zu bewaffneten Konflikten?

'Krieg tötet.'

Das ist menschenrechtswidrig. Völkerrecht hin oder her.

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