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Stinkefinger

  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Ich darf zufrieden sein: Der Zehnmillionendeckel für die Schweiz hat keine Mehrheit gefunden. Meine Argumente will ich hier nicht wiederholen, auch kein Wasser ins Meer der Begründungen und Analysen tragen; sie werden Journalisten und Politologinnen noch eine Weile beschäftigen.

Das Resultat ist erwünscht, aber kein Befreiungsschlag. 45% der Stimmenden haben zur Zwängerei einer kleinen Gruppe von Abschottungsideologen Ja gesagt. Nachhaltigkeit steht drauf, Anti-Kooperation mit dem Ausland steckt drin. 'Unmut' über Asylmigration, volle Züge, Stau und steigende Mieten: Monatelang redeten sich die Gegner den Mund fusselig, dass eine rigide Obergrenze für die Wohnbevölkerung nicht nur absurd wäre, sondern kein einziges dieser Probleme lösen kann. Bauchgefühl gegen Hirn: Eine Initiative, die einer gefährlich grossen Minderheit Frustrierter als Fussabtreter diente. Die Dettling, Aeschi, Köppel und Blocher betreiben Politik als Business und verkaufen, was den grössten Umsatz verspricht. Jede Niederlage gilt als Bestätigung, den opportunistischen Kampf weiterzuführen.

Im Vorfeld hat die NZZ täglich darüber berichtet. Gegner wie Befürworter gaben sich in Interviews die Klinke in die Hand, und es wurde nach den Menschen gesucht, die sich vor der Zehnmillionenschweiz fürchten. Gefunden wurden sie dort, wo das Wachstum nicht oder nur mässig stattfindet: Eine konservative Front mit vagem Feindbild. Lasst uns - die Schweiz, meinen Kanton, meine Gemeinde - in Ruhe. 'Asylanten', Expats', 'Zürcher'. 'Aus der Stadt'? Verschont uns mit Details! Alles, was nicht 'von hier' ist, landet im selben Topf: Xenophobie und Nationalismus sind, wie ich schon mal sagte, wie Russische Puppen. Immer, wenn man denkt, das war's nun, kommt es noch kleinteiliger.

Hände weg! Wir wollen unter uns bleiben. Menschen, die in der Beiz englisch reden statt jassen, bedeuten Heimatverlust. Wir sind die Rechtschaffenen, die arbeiten. Sich gegenseitig kennen, unterstützen und in den Vereinen engagieren... Diese Sozialromantik aus der konservativen Küche macht mir mehr Angst als das Gedränge um halb acht am Bahnhof: Heidiland, das es nie gab und nie geben wird. Es erinnert an die Debatte um den Wiederaufbau von Blatten: 'Wir können doch nicht im Exil in Kippel, Ferden oder Wiler unsere Identität bewahren!?' 'Üsserschwizer' wundern sich erst mal, dass das Lötschental nicht längst zu einer einzigen Gemeinde fusioniert hat.

Diese Diskussion ist toxisch, und die erwähnte finanz- und wirkmächtige Clique der Rechtsaussenpolitiker entfacht sie ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Was ist eine solche 'Identität' der Froschperspektive wert? Man erhält den Eindruck, sie sei eine Angelegenheit der Manipulierbaren, Überforderten, Unflexiblen. Politiker beider 'Pole' sind offenbar begabt darin, ihre Klientel als bedürftig aussehen zu lassen.

Ich habe schon öfter über den - vor allem - linksgrünen Mahnfinger gesprochen. Er zieht die Grenze zwischen verantwortungsvoll Gut und gedankenlos Böse. Immer ungenierter übt sich nun auch die 'Volksmitte' auf der mentalen Rütliwiese in der Gebärdensprache: Sie definiert sich als 'Innen' und zeigt 'Aussen' den... Stinkefinger. Muss ich mich entscheiden, welchen der beiden ich weniger leiden mag?

Ich stehe dazwischen und fühle mich befingert. Vermutlich gelte ich für die Autochthonen in Autigny auch als Migrant. Die Initiative wurde hier mit 52% angenommen. Das erstaunt mich erst, als ich feststelle: Alle Nachbargemeinden mit ähnlichen Strukturen haben deutlich verworfen. Der Bevölkerungsmix auf dem 'Land' ist also diverser als man denken könnte. Wo in letzter Zeit viel neuer Wohnraum geschaffen wurde - Matran, Neyruz, Cottens - ziehen urban denkende Menschen ein. Ich freue mich über jeden Baukran und neuen Wohnblock! Die Bauern? Agrounternehmerinnen und Landwirtschaftsprofis. Das 'Land' in den Köpfen wohnt - auch - im gepflegten Einfamilienhaus, fährt Tesla und fliegt zweimal pro Jahr in die Ferien. Das ist die Realität.

Vorsicht: Ich verurteile niemanden pauschal, der oder die der SVP-Initiative zugestimmt hat. Aber den Miesmachern und 'Terrible Simplificateurs', die vorgeben, ihre Interessen zu vertreten, zeige ich den Stinkefinger.

Sie stören mein Heimatgefühl.

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