Nicht nachvollziehbar
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Als Textmensch und Geschichtenerfinder schlüpfe ich in die Haut von Figuren, die mir manchmal gleichen, manchmal gar nicht. Einige liebe ich, alle muss ich verstehen. Aber natürlich gibt es Menschen, deren Handeln ich nicht nachvollziehen kann. Mit dem Auto wahllos feiernde Leute niederzuwalzen, zum Beispiel. Darüber werde ich nie einen Roman schreiben, denn religiös verbrämten Hass auf unsere Gesellschaft kann man nicht guten Gewissens fiktionalisieren. Zu gross wäre das Risiko einer Karikatur - beschönigend oder als klischiertes Scheusal.
Anders und doch ähnlich ist der Fall der Somnophilen: Pélicot und der bekannt gewordene Fall aus dem Aargau haben das Thema in die Medien gespült. Sexualstörung, sagen die Psychiater. Ich möchte mich weder blind der Empörungswelle anschliessen, noch in den Kopf dieser Täter versetzen. Ich bedauere Ermittler und Richterinnen, die dazu gezwungen sind. Schuldfähig oder einfach krank? Therapieren oder gnadenlos bestrafen? Diese Entscheidung möchte ich nicht einmal fiktiv treffen.
Warum also ein Blog? Ich plädiere gegen voreilige Schlussfolgerungen.
Somnophile Fantasien sind offenbar weit verbreitet: 20% der Männer, 10% der Frauen. Das wären etwa ebenso viele, wie als homosexuell gelten? Ich misstraue Sexstatistiken aus Prinzip, aber staune trotzdem. Bevor wir diese Phantasmen mit 'Monster' gleichsetzen: Es dürfte einvernehmliche Praktiken geben. Vielleicht ritualisiert, wie von der BDSM-Szene bekannt. Unter Partnern, die sich bedingungslos vertrauen. Denn naturgemäss ist im Schlaf der Begriff 'einvernehmlich' schwer fassbar. Da hilft kein Safeword.
Nichts ist per se pervers: Was im Konsens geschieht, ist okay. Das sagt der Kopfmensch, ohne nachzuvollziehen, wie solcher Sex Lustgewinn bringt. Wird Erotik auf den einfachen Nenner 'begehren und begehrt werden' gebracht, bedeutet deren Pervertierung 'begehren und stehlen'. Abstossung statt Anziehung.
Die Kampfansage gegen Nötigung und Gewalt darf sich nicht gegen die Sexualität an sich wenden. Generationen von Männern und Frauen haben unter der Ächtung ihrer Bedürfnisse gelitten. Moralisierende, ausgrenzende und auf Enthaltsamkeit abzielende Weltanschauungen verhindern keine Vergewaltigung - im Gegenteil. Seit den Sechzigern hat sich Vieles zum Guten verändert, aber die sexuelle Befreiung ist längst nicht abgeschlossen. Wir brauchen mehr Sexpositivity in der Erziehung und im gesellschaftlichen Diskurs - weder falsche Scham noch hysterische Angst vor toxischer Männlichkeit.
Zurück zu Berlin: Der Islamist hat zwar keine Frau missbraucht, aber symbolisch die sexuell aufgeschlossene Gesellschaft bestraft. Das darf nie nachvollziehbar werden.
Empören wir uns über die Pélicots. Holen wir die Erotik definitiv aus der Schmuddelecke. Damit alle darüber reden dürfen und können. Denn Nein sagt nur, wer verstanden hat, welches Glück ein Ja in der richtigen Situation bedeutet.
Könnt ihr meine Haltung nachvollziehen?
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