Kopfmensch
- vor 3 Tagen
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Erinnert ihr euch an meinen letzten Beitrag? Das Wort steht ganz am Schluss, quasi als Kommentar in eigener Sache. Ich denke, es lohnt sich, darauf zurückzukommen. Schon deshalb, weil in meinem neuen Roman, Level zwei, nebst Eisenbahn, Corona und Liebe auch Kopfmenschen eine wichtige Rolle spielen: Julia gehört zu dieser Spezies. Ein auffälligeres Exemplar als ich es bin. Alle Ähnlichkeiten sind unbeabsichtigt und reiner Zufall...
Kopfwesen handeln und denken rational. Mit grauen Hirnzellen sortieren sie aus, was andere übersehen. Hinterfragen, wo Normale die Schultern zucken. Finden bubieinfach, was Logikmuffel grässlich nervt. Nicht alle sind Mathegenies wie Julia, und sie sind nicht zwingend intelligenter, aber sie trainieren ihren Intellekt wie andere den sportlichen Body: Es ist ihr Funktionsprinzip. Eine Eigenschaft. Je nach Situation und der Art, wie man sie nutzt wird sie zur Stärke. Oder zur Schwäche.
Ich bin also ein Kopfmensch, aber sehe mich nicht als typischen Intellektuellen: Ich fühle mich keiner elitären Bubble der Studierten und Wissenden zugehörig. Ebenso wenig sind wir emotionslose KI-Agenten. Wir lieben, werden wütend oder auch mal sentimental. Wir möchten jedoch lernen, uns nicht von Gefühlen manipulieren zu lassen. Nicht von den eigenen, und schon gar nicht von fremden. Positive sind willkommen. Negative versuchen wir in den Griff zu kriegen, bevor sie uns und anderen schaden: Wir Versachlichen.
Ich verstehe, dass dies die 'Gefühlsmenschen' irritiert. Kann sein, dass sie sich nicht ernst genommen fühlen. Kann sein, dass wir mit unseren Argumenten - die wir keineswegs immer unterkühlt einbringen! - arrogant wirken. Dass unsere strukturierte Herangehensweise besserwisserisch rüberkommt. Dass die kritische Distanz auch mal als Kälte wahrgenommen wird. Kein Zweifel: Herztypen und Hirnzellen-Junkies reden ab und zu aneinander vorbei. Davor sind allerdings auch die Kopfmenschen nicht gefeit: Dass sie dauernd analysieren, verbindet sie. Was sie dabei herausfinden, kann aber auch trennen.
Wir Kopfmenschen fürchten nicht die Gefühle, sondern die Irrationalität. Damit schliesse ich den Kreis zum letzten Blog: Crans. Kerzers. Nun auch noch die Seilbahn in Engelberg! Und tatsächlich: Der NZZ-Kommentar vom 21. März spricht von einer 'Serie', obschon die drei Unfälle nichts miteinander verbindet. Beschwört die Symbolik: Touristenparadiese. Gelbes Postauto: Die 'heile' Schweiz ist plötzlich gefährlich geworden. Und, zitiert er einen Experten, das stimme sogar: Menschen zerbrechen unter dem seelischen Stress. Werden unaufmerksam. Verursachen neue Unfälle.
Sorry: Das ist Geraune auf dem Niveau einer billigen Verschwörungstheorie. Eine Art Populismus, welcher diejenigen in ihren Irrtümern bestärkt, die glauben, die Welt sei nun plötzlich nicht mehr dieselbe wie vorher. Zu ihrem Schaden. Wer die Deutungshoheit für sich beansprucht - Medien, Politik, sollte es besser wissen. Und dagegen halten.
Da muss auch ein hartgesottener Kopfmensch aufpassen, nicht die Contenance zu verlieren. Nein, nicht wegen den schlimmen Ereignissen. Es ist die Unfähigkeit der Gesellschaft, unser Wissen über Wahrscheinlichkeiten und Zufälle im Alltag anzuwenden, die mich triggert. Das Paradox, dass Menschen vor jeder Ziehung getreulich den Lottoschein ausfüllen und hoffen, dass das fast Unmögliche eintritt. Und in Endzeitstimmung verfallen, wenn es einmal passiert. Wenn auch nicht als Wunder, sondern als Katastrophe: Irrational.
Dagegen anzutreten, ist schwierig. Sehr schwierig. Das tut weh.
Weh? Ein Eckchen Irrationalität sei auch uns Kopfmenschen gegönnt.
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