top of page

Unerhört

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

So fit ich mich sonst fühle: Mein Gehör lässt nach. Nicht erst seit gestern. So bleibt Vieles in bestimmten Situationen für mich unerhört. Im Wortsinn.

Das grösste Problem ist - war - Fernsehen: Gerade bei französischen Streifen, wo in Umgangssprache im Affenzahn parliert wird, habe ich schon vor drei Jahren manchmal nur Bahnhof verstanden. Die Leute reden sich dauernd drein. Im Hintergrund lärmt der Strassenverkehr. Oder der Ozean lässt seine Brecher gegen die bretonischen Felsen klatschen. Seit zwei Jahren hilft mir ein Spezialkopfhörer von Sennheiser aus der Patsche, der die Artikulation gezielt verstärkt, ohne das übrige Dolby-Hörerlebnis zu beeinträchtigen.

Normale Gespräche in ruhiger Umgebung sind problemlos. Verstehen, was jemand oben auf der Galerie fragt, wenn ich in der Küche hantiere? Unmöglich. Im vollen Restaurant führe ich mit einem Gegenüber, das klar und eher laut spricht, auch bei mittlerem Lärmpegel noch ein entspanntes Gespräch. Frauenstimmen sind hingegen problematisch. Aber wer hat je behauptet, Männer verstünden Frauen?...

Spass beiseite: Mein letzter Hörtest zeigt ein Sprachverständnis unter der Toleranzschwelle. Ich brauche ein Hörgerät. Die Beraterin von Ampliphon bleibt kategorisch: Jetzt. Oder zu spät. Schlimm? Nein. Die 'Überohrhörhilfe' ist winzig und sieht entsprechend fragil aus. Nach wenigen Tagen gewöhnt man sich ans Tragen.

Aber dann werde ich mitten im Beratungsgespräch komplett schwerhörig. Wie bitte? Schlappe viertausend? Je Ohr? Der grosszügige Rabatt von 1000 Franken ist da schon eingerechnet, auch ein Anpassungsservice während 6 Jahren für knappe 2000. Denken die, ich möchte nun täglich im Laden in Fribourg ein bisschen an dem Zeug rumschrauben lassen? Dann würde diese Gebühr amortisiert...

Ich bin nicht geizig. Gut hören ist Lebensqualität. Aber genau das nutzt die Branche schamlos aus. Wieder einmal sind wir Rentner - der wichtigste Zielmarkt - gerade gut genug, uns schröpfen zu lassen. Das triggert mich mehr als der gesalzene Preis.

'Absurd', sage ich der Beraterin. Ich weiss: Miniaturisierte Elektronik ist teuer, aber grosse Stückzahlen sollten im wachsenden Massenmarkt der Schwerhörigen zu einem scharfen Wettbewerb führen. Fehlanzeige: Ein klarer Fall von Marktversagen. Ich versuche es gar nicht, zu Neuroth, Kind oder sonst einem 'Konkurrenten' zu pilgern. Alle handeln nach demselben Muster: 'Machen Sie gratis unseren Hörtest! Lassen Sie sich gratis beraten! Testen Sie gratis ein Gerät!' Gratis. Bis es dann schweineteuer wird. Ein Preisvergleich ist unmöglich; keiner der einschlägigen Anbieter publiziert ein Sortiment und liefert konkrete technische Daten. Selbst im Laden wird nur vage zwischen Premium, mittlerer Preislage und Standard unterschieden, und natürlich wird sofort 'Premium' offeriert. Sie entscheiden! heisst die Antwort auf meine Frage, ob nicht Standard in meinem Fall eine valable Option wäre. Entscheiden? Das getestete Gerät lässt sich auf Google nicht finden; es trägt eine Ampliphon-spezifische Produktebezeichnung. So tappt man definitiv im Dunkel. Ein formelles Kartell hätte man längst zerlegt. Aber eine stillschweigende Einigung auf ein Geschäftsmodell in der rentablen Komfortzone ist nicht verboten.

Ich will wieder besser hören und verstehen, Das teure Gerät habe ich nach dem zehntägigen Test zurückgegeben. Die Alternative heisst Online-Handel: migelino.ch. Bei gleicher Qualität halbierte Preise, Beratung telefonisch, Anpassungen bequem zu Hause über eine App, die dem Spezialisten die Ferneinstellung erlaubt. Nächste Woche erwarte ich mein Gerät. Zum Test. 30 statt nur 10 Tage. In einer älteren Kassensturz-Sendung bin ich auf die Firma gestossen. Das Problem existiert also nicht erst sein gestern.

Der Kunde wird für dumm verkauft, und ich unterstütze keine Mafia. Das Angebot von Ampliphon bleibt unerhört. Ich schäme mich kein bisschen, Gratis-Test und -Beratung in Anspruch genommen zu haben, ohne zu kaufen. Unerhört!

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Kopfmensch

Der Blogger ist ein Kopfmensch und ganz froh darüber. Aber ein Kompliment ist es nicht: Hier ist ein Erklärstück.

 
 
 
Schlimm

Ein Postauto verwandelt sich in einen Feuerball. Schlimm! Schlimm genug, findet der Blogger.

 
 
 
Lagerfeuer

Die SRG ist nicht zu beneiden: Umzingelt von Konkurrenz, geprügelt von der Politik und dem Publikum. Oder doch? Der Blogger sieht nicht oft fern, aber ist trotzdem bereit, weiterhin 335 Franken zu bez

 
 
 

Kommentare


Schreibt mir, ich freue mich auf euer Feedback

Danke für die Nachricht!

© 2025 Gedankenzug. Erstellt mit Wix.com

bottom of page