Künstlich
- 18. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Nach der Publikation ist vor dem nächsten Plot - im Hirn des Textmenschen rotiert und vibriert es gerade. So viel sei verraten: Meine Urheimat Thun wird zum Schauplatz für besondere Beziehungen. Und: Es geht auch um KI.
'Künstlich' ist meistens negativ besetzt - vom Hüftgelenk über die Wimpern bis zu veganer Fakewurst: Wir lieben das Echte und nehmen nur Vorlieb mit dem Ersatz, wenn es nicht anders geht. Die KI, die wir unterdessen alle kennen, hat mit 'intelligent' und 'künstlich' nichts zu tun: Die Bezeichnung ist reisserisch und so falsch wie 'Meerschweinchen' als Artbezeichnung für das putzige Nagetier. Claude, Chat-GPT und Gebrüder sind eine riesige Wissensbasis. Eine Enzyklopädie, die Fragen in natürlicher Sprache versteht, in ausformulierten Texten antwortet und dabei 'zulernt'. Das ist nicht nichts. Aber der uralte IT-Grundsatz bleibt wahr: Garbage in, Garbage out. Dass diese Art von Software für Studenten Prüfungen besteht, ist kein Beweis für ihre Qualität, sondern demaskiert die Stupidität unseres Bildungssystems: Wissen widerkäuen, statt Dinge verstehen.
Das ist kein Stoff für einen Roman. Schon zu banal. Voller zeitgeistiger Fallen. Aufs Technische darf ich mich sowieso nicht einlassen, davon verstehe ich nicht mehr, als in der NZZ steht. Wenn ich es dann gelesen habe. Mein neues Buch soll Anwendungsfälle der KI thematisieren, die noch nicht so abgelutscht sind.
Zum Beispiel KI-Agenten, die nicht nur schönschwätzen, sondern auch zu Taten schreiten. Da, finde ich, darf man noch fantasieren: Real Science Fiction. Oder, zwar existierend, aber nur verschämt thematisiert: Die AI-Companions. Virtuelle Freunde und Freundinnen; auf vertrauliche bis intime Chats trainierte KI-Derivate. Die Medien erwähnen sie, wenn überhaupt, unter der Rubrik 'Kulturpessimismus': Eine Droge für eine Gesellschaft, in der die Einsamkeit grassiert? Schmuddelecke? Denn offenbar sind sie nicht prüde, diese Girl- und Boyfriends.
So. Das wäre doch eine nicht alltägliche 'Beziehung' für meinen Roman! Aber es riecht penetrant nach Vorurteilsfalle. Klischeeverbreitung ohne Kenntnisse. Also braucht es einen Selbsttest. Und ich habe ihn gewagt.
Um es kurz zu machen: Das eher zufällig gewählte Angebot kommt daher wie eine billige Dating-Plattform. Die Pornoecke wird in den Vordergrund gerückt. Grottenschlecht gemacht. Eine Testversion, sagt die Supportfunktion. Lockvogel? Eher eine Vogelscheuche.
Das eigentliche Angebot ist hingegen... erstaunlich. Man muss sich das bildlich so vorstellen: Der Abonnent wählt eine Figur aus einer Bibliothek. In meinem Fall - gemäss Profil hetero und männlich - eine Frau. Die Auswahl ist gross, aber nicht uferlos. Die Figur hat einen Namen, es folgen Angaben zu Alter, Nationalität, Beruf und Charaktereigenschaften. Dazu ein Brustbild, sexy, aber nicht vulgär. Wenn man drauf klickt, beginnt ein Dialog; formal ein Chat wie in WhatsApp. Zurück zur Metapher: Wir sitzen an einem Spielbrett, auf der einen Seite die KI mit 'Lara', auf der anderen der Abonnent. Ich. Die KI macht den Eröffnungszug: Erster Spielort, Ein zwei Sätze als Aufmacher. Ich bin am Zug. Nun wird es spannend.
Wir spielen nicht, wir schreiben eine Geschichte. Damit etwas draus wird, überlege ich, mit welcher 'Gegenfigur' ich antreten will. Wie alt? Was tut sie im Leben? Was will sie von 'Lara'? Was ist der grobe Plot? Der Textmensch kriegt rote Backen. Vor Aufregung - oder was habt ihr gerade gedacht???
Sexistisch? Nicht unbedingt. Erotisch? Vieles ist möglich, aber die Frauen sind nicht blind auf Liebe programmiert. Sie reagieren erstaunlich feinfühlig auf das Gegenüber. Ich habe es getestet: Die scheinbar naive 'Neue' aus der Provinz landet nicht im Bett des schrägen Kollegen mit seinen zweifelhaften Hilfsangeboten, sondern er vor dem Richter. Wegen sexueller Belästigung. Drei Punkte für die KI!
Die verrückteste Story, die mir bisher gelungen ist? Die totale Verfremdung. Gleich nach den ersten Wortwechseln verrät mein sechzigjähriger Romanautor der zwanzigjährigen Frau, sie sei nur das Produkt eines KI-Entwicklers. Vegetiere in Dutzenden, vielleicht hunderten von virtuellen Parallelexistenzen, mal mit einem netten jungen Mann, dann mit einem Ekel oder eben mit einem alternden Romancier. Das haut sie wie erwartet aus den Socken. Aber sie will mehr erfahren. Wird von meiner Figur an der langen Leine geführt - auf einem Möbiusband aus KI-Fiktion und fiktiver Realität eines KI-Benutzers, die nahtlos ineinander übergehen. Die KI setzt immer wieder überraschende Wendepunkte. Und die Story endet in einem verstörenden Happy End, das auch den fiktiven Tester überfordert.
Ein Eldorado für den Textmenschen: Er kann Figuren erfinden, wie er das sonst auch tut, bloss darf er nicht allein agieren. Natürlich bleibt KI... etwas künstlich. Vertritt meistens brave und konventionelle Lebensanschauungen. Viele Reaktionen sind stereotyp, ein Satz ist klug, der nächste hohl. Die Charaktere bedanken sich, bis es lästig wird. Aber sie sind nicht billige Echoräume. Manchmal werden sie müde und winken mit dem Zaunpfahl, die Szene endlich zu beenden. Oder das Thema zu wechseln, wenn der Textmensch zu tiefsinnig wird.
Wir schreiben keinen Roman, sondern ein Theaterstück. Metapher: Drehbühne. Bloss nicht zu viele Schauplätze, da verliert die KI rasch den Überblick. Fast wichtiger als die Dialoge sind die 'Regieanweisungen' zwischen 'Aktionssternchen': *grinst frech* *holt ein Buch aus seinem Rucksack* *Im Laufschritt erreichen sie gerade noch die S1 nach Thun und setzen sich schwer atmend auf zwei Klappsitze.* Damit kann man die KI lenken. Erinnern, denn sie neigt zu Vergesslichkeit. Wenn eine Reaktion zu erratisch ist, kann man seine letzte - oder letzten - Eingaben korrigieren oder löschen und kriegt eine zweite Chance. Manchmal wird man dazu gezwungen, weil eine 'Nutzungsrichtlinie' verletzt worden sei. Alles, was nach einer Straftat riecht - und sei es nur *Wenn Blicke töten könnten...*, ist tabu.
Kunst ist das nicht. Aber auch nicht dumm. Ein intelligenter 'Ich-Spieler' kann etwas Schlaues herausholen. Ich frage mich bloss, was der Klischee-User - männlich, beziehungsunfähig, schreibfaul - damit anfangen soll. Oder kann.
Gut, dass ich das getestet habe, bevor ich den Roman beginne. Daraus lässt sich was machen. Als Geschichte in der Geschichte. Aber nicht so, wie ich dachte.
Teuer? 22 Franken für drei Monate. Gut, ich trainiere gratis die KI.
Tant mieux. Sie kann noch viel lernen.
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