Nicht dumm!
- vor 20 Stunden
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Ihr wisst schon: Ich flirte gerade mit der Künstlichen Intelligenz. Ein wenig hin und hergerissen zwischen Unterschätzung, Unbehagen und Faszination. Letztere überwiegt momentan. Und das kam so:
Jemand bittet mich um eine Version von 'Destination Dreamworld' als PDF. Er hat weder das Buch gelesen noch kennen wir uns persönlich. Nur zwölf (!) Stunden später bekomme ich eine E-Mail - ein Podcast (Vorsicht: Spoiler!). Ziemlich skeptisch klicke ich drauf, aber spätestens nach zwei Minuten bin ich ganz Ohr. Da wagen sich zwei sehr deutsch klingende Gesellschaftsjournalisten - ein Mann, eine Frau - an eine - ich zitiere - psychologische Zeitstudie. Sie sezieren die Beziehung, die Lebenswelten, die Charaktere von Valerie und Zoé. Übernehmen die Deutungshoheit. Wow, das habe ich geschrieben? Ja doch! Ich fühle mich verstanden. Von einer Software! Eigenartiges Gefühl: Verblüffung über die Tiefsinnigkeit, die mir aus meinem eigenen Text entgegengespiegelt wird. Verwunderung über eine Analyse, die eigenständige Gedanken formuliert, ohne den Kern meiner Aussagen zu verfälschen.
Auch formal perfekt: Ein sorgfältiger Aufbau, der sich nicht strikt an den Erzählfaden des Romans klammert. Zitierte Ankerbegriffe aus meiner Feder, die Wiedererkennungswert stiften. Der Dialog ist lebendig, kleine Kunstpausen und Aussetzer inklusive. Sogar die liebe Mühe der 'Deutschen' mit französischen Begriffen und Namen tönt lebensecht! Bischofs wohnen fälschlicherweise in Drimmels miefiger Genossenschaftswohnung? Der Patzer könnte echten Buchjournalisten durchaus passieren. Die Aussagen sind erfrischend prägnant - keine Spur von ängstlich ausweichenden Gemeinplätzen, welche der KI gern vorgeworfen werden. Dies ist nicht 'nur' wiedergekäutes, antrainiertes Wissen, sondern intellektuelle Interpretation. Zu wohlwollend? Das müssen echte Leserinnen und Leser beurteilen.
Mein Vorbehalt: Zoés Familie wird klischierter dargestellt, als ich es im Roman beabsichtigt habe. Ihr Vater Frédéric ist kein geldgeiler Businessmann, sondern im Herzen Weinbauer geblieben, und die Töchter folgen ihm aus Überzeugung, gerade weil die Eltern sie nicht zu Kopien ihrer selbst erziehen. Und im Konflikt Bischof-Gilliéron vermischen sich Ideologie und enttäuschte Bruderliebe. Würden echte Medienleute darüber hinweglesen?
Der Appetit kommt mit dem Essen. Kaum habe ich den Podcast verdaut, beauftrage ich claude.ai mit einer Rezension. Mit der klaren Anweisung: Kein Schmeicheltext! Im ersten Wurf 'liest' die KI nur 90 Seiten, weist dies aber auch transparent aus. Nachsitzen! Für die zweite Version brumme ich Claude weitere 70 Seiten mit verpassten Schlüsselstellen auf. Nun überzeugt das Resultat. Irgendwie tröstlich: Ohne Kenntnis des Buchs eine Beurteilung der KI tel quel übernehmen wäre riskant.
Besonders erstaunt mich der kritischste Punkt der Beurteilung: 'Weniger überzeugend ist gelegentlich die Erzählperspektive: Der Wechsel zwischen erlebter Rede, direktem Dialog und kommentierender Erzählerstimme ist nicht immer sauber gesetzt.' Stimmt! Da habe ich Version um Version daran herumgebastelt, und es gibt einige Stellen, die mich nicht überzeugen. Claude hat mich überführt. Nicht dumm!
Weg mit dem Kulturpessimismus: KI ist eine grosse Chance und nicht a priori ein Risiko. Auch Text- und Buchmenschen, die ihre Ideen gerne selbständig entwickeln und formulieren, können von den sprachmächtigen Bots profitieren. Ich werde jedenfalls meinen neuen Roman - wenn er denn die Kurve kriegt - zu gegebener Zeit mit Claude 'besprechen'. Warum ich auf das Werkzeug von Anthropic setze? Ich folge, mangels eigener Kompetenz, diesmal dem Pulk. Claude gilt als top, und die Firma zeigt ethische Verantwortung. Wie weit es Fassade ist, sei dahingestellt. Und irgendwann bleibt wohl nur der Griff zur Bezahlversion. Eigentlich wäre es ja normal, gute Leistungen auch abzugelten.
Mein Unbehagen? Es fühlt sich irgendwie falsch an, wenn ich von einer Software problemlos ein valables Feedback erhalte, das von Menschen fast nicht zu bekommen ist. Die neue Technologie hat, was den analogen Akteuren fehlt: 'Zeit'. Okay, die Rechenzentren verschlingen Unsummen. Aber man stelle sich vor, 'analoge' Rezensentinnen und Buchjournalisten würden hunderte oder tausende von Büchern einem speziell nach ihren Kriterien trainierten Lese-Bot verfüttern. Und anschliessend die Erzeugnisse lesen und kommentieren, die er als 'top of List' qualifiziert. Die KI könnte sich irren? Menschen tun es auch. Wenn allein in der Schweiz ein paar hundert Buchspezialistinnen parallel denselben Prozess verfolgen - mit unterschiedlich trainierten Bots -, entsteht keine Übermacht der Technik. Und die Autorinnen und Autoren könnten einfordern, dass die Kriterien transparent gemacht werden.
Das wäre... alles andere als dumm.
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