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Nicht Monogam

  • vor 43 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Das Prinzip der monogamen Beziehung, sagt die Psychotherapeutin Jessica Fern, ist Willkür. Eine der zahlreichen sozialen Regeln, die mit religiösen Dogmen begründet und rigoros durchgesetzt wurden. Heute hinterfragen wir Normen und Klischees so gründlich wie noch nie, nur von der Monogamie redet niemand. Obschon die Ehe längst nicht mehr das Mass der Dinge und heiraten vorab 'instagramable' ist.

Das Ideal des Paarlebens bleibt die Exklusivität. Stillschweigend, unbesprochen. Ihr Brüderchen, das Fremdgehen, ist weit verbreitet. Bei beiden Geschlechtern: Zum Glück ist 'sexueller Betrug' als Delikt aus unserem Scheidungsrecht verschwunden. Aber in den Köpfen bleibt verankert, dass eine ehrliche, tragfähige Beziehung und erotische Treue untrennbar miteinander verkettet sind. Darin sind sich Rechts und Links, Stadt und Land, Mann und Frau in seltener Weise einig. Oder wagt bloss niemand Widerspruch?

Einvernehmlichkeit ist gesetzlich geschützt, auch in der Beziehung. Emanzipation von der normativen Exklusivität wäre die logische Ergänzung einer zeitgemässen Sexualethik: Wir besitzen uns nicht, wir teilen freiwillig. Was wir können und möchten. Unsere Intimität gehört uns, nicht dem Partner. Na also!

Jessica Fern hat recht: Tabus sind falsch. Oft wird lebenslange Partnertreue im Tierreich als Argument für die Monogamie angeführt. Werden Vogelpaare zum Vorbild erklärt, die Jahr für Jahr gemeinsam ihr Nest bauen und die Brut aufziehen. Die Forschung hat dies zwar bestätigt, aber gleichzeitig auch festgestellt: Männchen wie Weibchen 'vögeln' - pardon! - putzmunter quer Beet. So intelligent Tiere auch sind: Sie ticken nicht menschlich und haben keine Vorstellung von Abstraktem. Wie Körpermerkmale unterliegt ihr Verhalten der natürlichen Selektion. Eingespielte Paare sind offenbar erfolgreicher bei der aufwändigen Brutpflege, und die Durchmischung der Gene hält die Populationen fit. So einfach ist das.

In Polysecure steht wenig über Animalisches und sehr viel über Bindungen. Das ist unbedingt lesenswert, auch für alle, die schockiert aufschreien: 'Geits no? Betrug und Vertrauensbruch?' Nein. Wenn wir den monogamen Spiess umdrehen, verabschieden wir uns nicht von den Regeln, sondern ändern die Abmachung. Nicht-Monogamie ist eine konsensuelle Art des Zusammenlebens und wertet die Beziehung nicht ab. Im Gegenteil, erklärt Frau Fern.

Das Buch will niemanden umerziehen. Der konsensuellen Monogamie steht weiterhin nichts im Wege. Ferns Credo: Weg vom scheinbar Selbstverständlichen. Hin zur expliziten Auseinandersetzung mit seinen Bedürfnissen und deren Erfüllung in der Beziehung. Weg vom 'Ewigen' und Äusserlichen. Hin zum Bestreben, seine Bindung an neue oder veränderte Empfindungen und Rahmenbedingungen anzupassen. Ist es nicht besser, sie zu öffnen, statt sich unter Streit und Tränen zu trennen? Es geht nicht darum, welchen Deal Paare eingehen. Sondern dass.

Tabus, Klischees und sozial normierte Rollen sind Zwang: 'Es ist einfach so!' Ein typischer Satz des Eltern-Ichs. Wer eine ernsthafte Bindung sucht, darf und soll auch Freiräume schaffen. Unverfängliches Beispiel: Sie ist leidenschaftliche Alpinistin, er hat Höhenangst. Sie daran zu hindern, Viertausender zu besteigen, wäre egoistisch; ihn zum Mitgehen zu zwingen, idiotisch. Dass er ein wenig angstvoll hofft, sie kehre vom Weisshorn gesund zurück, ist ein Liebesbeweis. 'Deine Bedürfnisse sind ebenso wichtig wie meine!' Ich sehe zustimmendes Nicken ringsum. Das eifersüchtige 'du gehörst mir' ist toxisch.

Warum ausgerechnet die Erotik von diesem Grundsatz ausnehmen? Ersetzen wir das Weisshorn durch einen zweiten Partner, mit dem sie Schönes erlebt. Gerade haben wir begriffen, dass Sexualität nicht in Normen passt. Unsere erotischen Bedürfnisse und Wünsche kennen mehr als nur '50 Shades', und zwar knallbunt statt grau. Die Beziehung wird leicht zum Gefängnis, wenn sie nur die gemeinsame Schnittmenge dieser Neigungen zulässt. Mitleidiges Entgegenkommen contre coeur macht keine Freude, einseitiger Verzicht zersetzt lustvolles Geben und Nehmen zu verkrampftem Wollen und Verweigern. Verständnis, Nähe, Liebe bedeuten auch: 'Du darfst. Aber bitte... nicht mit mir.'

Polysecure entwirft ein Ideal, anspruchsvoll achtsam. Keine Ideologie - die Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen ist schonungslos ausführlich. Jessica Fern bleibt offen für alle Varianten der Nicht-Monogamie, stellt aber Polyamorie in den Vordergrund: Die Vervielfachung der umfassenden Paarbeziehung ist unbestritten die komplexeste Form.

Hier setzt meine Kritik an: Das Buch demontiert ein Tabu und postuliert die entgegengesetzte Extremform. Damit lenkt der Text vom Kern der Diskussion ab: Dem Umgang mit Erotik. Ich sage bewusst nicht 'Sex': Auch Begehren und begehrt werden braucht Nähe, Wärme, Bindung. Seine Zweisamkeit für andere Lieben zu öffnen, finde ich nicht utopisch. Die typischen Ziele der Lebensgemeinschaft - schützender Hafen und sichere Basis - bleiben dabei als Privilegien der Hauptbeziehung vorbehalten. Hierarchische Nicht-Monogamie: Polysecure for Dummies. Pardon: Die Mehrheit.

Was mich irritiert: Frau Fern erklärt den Wunsch nach Nicht-Monogamie zur Veranlagung. Déformation professionelle der spezialisierten Therapeutin oder allzu 'wokes' Bestreben, die Gesellschaft in tumben Mainstream und diskriminierte Minderheiten zu zerlegen? Seine Beziehung zu öffnen, ist eine Frage des freien Willens und der konkreten Paarkonstellation. Und ja - es wird nicht allen gefallen. Liberal zu denken und zu handeln, ist nicht immer der einfachste Weg. Aber mutig.

Mich faszinieren Beziehungen ausserhalb der Klischees. Das Spannungsfeld Polyamorie sorgt in Destination Dreamworld für Knistern und Streit: Zoé fantasiert von der Ménage à trois und setzt damit ihre Beziehung zu Valerie aufs Spiel. Diese reagiert pragmatisch: 'Du machst dein Ding und ich meins.' Das leuchtet dem Kopfmenschen mehr ein, als eine multilateral abgestimmte Liebeslebenswelt mit mehreren gleichwertigen Beziehungen. Frau Fern liefert die Argumente selbst: Auch eine einzige tiefe Bindung beansprucht oft mehr Zeit, als uns neben anderen Aufgaben bleibt. Natürlich möchte ich echte Polyküle nicht ausschliessen, aber sie bleiben auch in einer nicht monogam normierten Gesellschaft der Sonderfall: Amors Multipfeil 4.0. Wen er triff, wird Einzigartiges erleben. Aber auf Tinder kann man ihn kaum finden.

Nicht nur Gen Z und Millennials - auch Eltern und Grosseltern: Bleibt so monogam wie ihr möchtet, aber öffnet euch für Lebensformen, die in eurer Kindheit noch als Sakrileg galten. Das Tabu der Monogamie darf nicht von Generation zu Generation weitergereicht werden. Erotik und Liebe sind wahrscheinlich zu vielfältig und mächtig, um sie zwingend nur mit einem einzigen Menschen auszuleben.

Denn: All-inclusive gibt es nur im Ferienkatalog. Pardon - booking.com.

Die Vögel wissen es schon. Ohne Federlesens.

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