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Lesezirkel

  • daehlert
  • 11. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Ich bin ein Textmensch. Seit ich Romane schreibe, lese ich anders, analytischer. Bücher erzählen nicht nur die Geschichte, die drin steht, sondern entlarven auch den Autor, die Autorin. Schreibstil und Komposition sind leicht zu entschlüsseln, Absichten, Botschaften und Ideen bleiben hingegen eine Frage der Interpretation. Der Grat zwischen 'gut gemacht' und 'kluges Machwerk' ist schmaler, als man glaubt.

Luzia Stettler ist ein Buchmensch; ein Medienprofi mit über dreissig Jahren Erfahrung bei der SRG. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie - vermutlich über 100% - als selbständige Vermittlerin zwischen Lesenden, Büchern, Autorinnen und Autoren. Spannend, denn... ich kenne Luzia vom Gymnasium Thun! Ich gebe es zu: Wäre es 'irgendeine Frau Stettler aus dem Literaturbetrieb' hätte ich ihre Website kurz durchgesehen und dann weggeklickt. So aber habe ich mich, neugierig geworden, für den Lesezirkel eingeschrieben. Nach drei Büchern und zwei Gesprächen mit Autorinnen ist eine erste Bilanz fällig.

Das Konzept ist bestechend: Ein Buch pro Monat schaffen Gewohnheitsleser spielend, und je eine Stunde Zoom-Konferenz ist kein grosser Aufwandposten. Nicht nur zu lesen, sondern seine Beobachtungen, Likes und Kritik mit anderen zu teilen, locker-sympathisch und professionell moderiert, ist motivierend. LeserINNEN? Der Zirkel ist weiblich, drei Männer bestätigen als Ausnahme die Regel. Kein Problem. Schade finde ich die Abstinenz jüngerer Menschen. Die lesen doch auch?!

Der Zirkel lockt uns aus der Komfortzone; diese Bücher beschäftigen mich intensiver, als wenn ich sie allein lesen würde. Was wir aus einem Text herausfiltern, erzählt auch viel über uns selbst. Und da wird es spannend und komplizierter, als man vorher denkt: Welche Kritik betrifft das Buch - wo triggert die Autorin persönliche Meinungen und Emotionen?

Bei Online-Meetings in der Berufswelt reden wir über Sachfragen und kennen uns auch aus der analogen Welt. Wir vertreten die Interessen des Unternehmens oder der Abteilung und können uns als Person heraushalten. Im Lesezirkel sind wir Unbekannte mit unbekanntem Lebenskontext, reden aber, direkt oder indirekt, über Persönliches und Privates. Und wir wollen uns mitteilen. Uns! Eine Stunde geht vorbei wie im Flug.

Ich bin ein kritischer Mensch und liebe es, das Büsi auch mal gegen das Fell zu streicheln: Die Figuren in meinen Romanen passen exakt ins einundzwanzigste Jahrhundert, widersprechen aber dennoch gängigen Klischees. Wo andere schamhaft wegschauen, zoome ich hin. Frech, respektlos, aber mit Anstand: So bin ich eben - ein Ikonoklast! Trotzdem war ich ein wenig erstaunt, wie deutlich meine Ansichten vom Median der Lesezirkelgruppe abweichen. Das hat sein Gutes: Horizonterweiterung durch neue Perspektiven. Aber auch einen Nachteil: Um mein Urteil fundiert zu begründen, müsste ich mir zu viel Redezeit 'erschnorren'. Ich dränge mich nicht gern auf, und es wäre unfair den anderen gegenüber.

Es liegt auch an den Büchern dieser Herbststaffel. Ayelet Gundar-Goshens Roman ist inspirierend, aber ein so vielschichtig psychologisch-politisches Werk lässt sich nicht in einer Stunde behandeln. Doris Knecht und Kristine Bilkau durften wir in einer Zoom-Liveschaltung befragen. Beide sind Profischreiberinnen mit journalistischem Background. Man merkt es. Sie opfern die gute Story, überspitzt gesagt, und die interessanten, mit scharfem Bleistift gezeichneten Figuren dem schlecht versteckten ideologischen Mahnfinger - den mag ich nun mal nicht! In beiden Romanen verstärkt eine Ich-Frau als Erzählerin den Eindruck einer gewissen Einseitigkeit. Den beiden Damen, wäre ich allein, hätte ich im Interview etwas mehr eingeheizt als meine Zirkel-Komplizen. Das dürfte ich wagen: Auch wenn ich nicht Lesezirkel-Format habe, ist mir bewusst, dass wir Schreiberlinge und Tastaturakrobatinnen nicht Bücher tippen, sondern Babies aufziehen. Unter Eltern darf man über Erziehungsstile kontrovers diskutieren, nicht wahr?

Nun bin ich gespannt, wie es im nächsten Jahr weitergeht. Luzia gebührt grosse Anerkennung für ihr Engagement. Es gibt so viele Bücher - im Laden bin ich überfordert, und alles kann ich sowieso nicht lesen. Wie enorm muss der Aufwand sein, eine 'richtige' Auswahl zu treffen?

Der Lesezirkel zeigt mir im Spiegel, was ich eigentlich schon wusste: Ich bin ein Schreibwütiger, kein Literat. Ein Intellektueller ohne Affinität zum 'Kulturbetrieb'. Umso mehr brauche ich Luzias Büchertipps. Wir waren zusammen am Gymer und haben manche Nachmittage in einer kleinen Gruppe Chemie, Mathe oder Geografie gebüffelt. Das schafft Vertrauen, auch nach fünfzig Jahren.

Und sie hat - pscht! - manchmal meine Buchzusammenfassungen abgeschrieben...

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