Unbeliebt?
- daehlert
- 24. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Niemand ist nur beliebt. Bestimmte Gruppen werden allerdings besonders gerne ausgebuht: Rentnerpaare, beispielsweise. Neuerdings wieder im Zusammenhang mit der Individualbesteuerung der Ehepartner: Potenzielle Profiteure, dabei geht es ihnen doch schon unanständig gut!
Mir selbst eine 13. AHV-Rente zuzuschanzen, fand ich genauso 'cringe' wie viele Junge. Bei der Vorlage zur Besteuerung liegt der Fall anders: Hier geht es nicht vor allem um Geld, sondern ums Prinzip. Mein letzter Blogbeitrag erklärt warum: Paare sollen nicht gezwungen werden, alles zu teilen. Die Individualbesteuerung schafft Transparenz und ist ein Beitrag zur Gleichberechtigung. Nach geänderter Doktrin wird logischerweise 'entlastet', wer vorher 'zu viel' bezahlt hat. Je länger dies der Fall gewesen ist, umso gerechtfertigter ist das Korrektiv. Darum sehe ich keinen Grund, mich für ein JA zu schämen.
Ich schweife ab. Unbeliebt: Neben Z sind die Boomer wohl die meist vorverurteilte Generation. Besonders stört mich, wenn 'Alte' als hilflose Opfer vorgeschoben werden, um längst fällige Schritte bei der Digitalisierung zu hintertreiben. Ich brauche weder Münz und Papierkram! Yaëls über sechzig, die den Jüngeren ihre Kohorte erklären, finde ich überflüssig: Je älter, desto unähnlicher werden sich Gleichaltrige. Die Jahre formen und akzentuieren unsere individuellen Charaktere und Fähigkeiten. Die 'Medianrentnerin' gibt es noch weniger als die 'heutige Jugend'.
Trotzdem: Ich verstehe die Ressentiments der Jüngeren. Als Gruppe stechen die 'Alten' oft unschön ins Auge. Busse voller Rollatoren und griesgrämiger Gesichter, nein danke! Eine Welt der Grauhaarigen ist keine schöne Perspektive, und das triggert Millennials, Z und A zu recht. Fehl am Platz ist allerdings die Ansicht, 'wir' Boomer hätten nur Friede, Freude, Eierkuchen erlebt. Auch wenn es vielleicht danach aussieht.
Meine Jugend? Die Schule war autoritär. Lehrpersonen hatten fast unbeschränkte Macht; einige waren überfordert und haben sie missbraucht. Unter Gleichaltrigen wurde genauso fleissig gemobbt wie heute; es braucht keine sozialen Netzwerke, um als Underdog gebrandmarkt zu werden. Kind sein war anders, nicht lustiger.
Sexualität? Psst! 'Schlüsselloch' und 'Bravo' unter dem Pultdeckel, statt Internetpornos auf dem Handy. Konservative Eltern und Lehrer, die von Enthaltsamkeit und Sünde schwafelten und mit dem Mahnfinger über Verhütung redeten, waren Mainstream. Mädchen trugen in der Primarschule Schürzen, und Buben übten früh bei den Kadetten den Gleichschritt. Unverheiratete Paare wurden geächtet oder bestenfalls geduldet. Unsere Gesellschaft hat sich rasant geöffnet, auch wenn nicht alle - alt und jung! - so LGBTQ-tolerant, antirassistisch und feministisch sind, wie es sich der Zeitgeist wünscht.
1977 waren wir in Thun 34 Maturandinnen und Maturanden. In einem Einzugsgebiet von mindestens 60'000 Menschen! 'Wir Boomer' sind, ich mal ausgenommen, mit deutlich weniger Ausbildungskapital ins Leben gestartet. Dafür gab es auch weniger Druck, unbedingt die Sek zu schaffen und zu studieren.
1984 hatte ich mein Unidiplom als Sekundarlehrer in der Tasche... und fand keine Stelle. Dass 2026 auch ETH-Absolventinnen und HSG-Laureaten (wieder?) viele Bewerbungen schreiben und doch abgewiesen werden, ist angesichts des Lamento um die Wegpensionierung der Arbeitskräfte befremdend. Ich kann euch nachfühlen, liebe Enttäuschte! Auch vor fünfzig Jahren war 'Wünsch dir was' eine TV-Sendung, nicht Alltag.
Coronakrise? Klimaerwärmung? Zeitenwende? Nationalismus? Die Dreamworld gibt es nicht einmal in meinem Roman. Wir hatten den Kalten Krieg und die atomare Bedrohung. Den Ölschock. Die Inflation. Polit-Terrorismus: James Bond durfte aus guten Gründen Jahr für Jahr die Welt vor dem Untergang retten. Die Probleme, scheint mir, sind nur lärmiger geworden. Unentrinnbarer. Das trifft uns alle, von A bis Boom.
Altern ist ein natürlicher Prozess. Ich bin gesünder, lebe sicherer und komfortabler als meine Vorfahren. Auch wenn es in zwanzig oder vierzig Jahren den Ü60 statt besser nur ebenso gut gehen sollte wie heute den Boomern, sehe ich keinen Grund für Neid oder Panik. Ich habe in meinem bisherigen Leben nie einseitig von der Gesellschaft 'profitiert', und ich hoffe, dass es so bleibt. Das verdient kein Lob. Ich muss nicht beliebt sein, möchte aber nicht aussortiert werden. Es zählt, was ich denke, sage und tue, nicht das Generationsschild.
Wie es auch die Gen Z verdient.
Wir sollten uns verbrüdern und verschwestern, statt argwöhnisch beäugen.

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