Letzte Etappe
- 1. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Diskriminierung ist manchmal subtil, da bin ich mit Anja Nunyola Glover einverstanden: Gutgemeinte Inklusion, die so bemüht daherkommt, dass sie ausschliesst. Ärgert. Verletzt. Das betriff allerdings nicht nur Rassismus: Auch Seniorinnen und Senioren im so genannten letzten Lebensabschnitt sind Opfer von Heuchelei und Verzerrung.
Nun muss ich erst kurz abschweifen: Ich höre regelmässig die DRS Musikwelle: Kein passender Sender für liberal aufgeschlossene Geister. Im Prinzip. Denn der Mix aus Schlager, leichter Klassik, Folklore und Hits meiner Jugendjahre gefällt mir gut. Ich beriesele nur mich selbst und belästige niemanden: Beim Marschieren, im Hobbykeller oder im Auto.
Mit meinem Alter hat die Senderwahl nichts zu tun. Auf die indiskrete Frage des Klassenlehrers - 'welche Musik hörst du am liebsten' - antwortete ich zur eigenen Verblüffung: 'Ländler!' Mit zwölf Jahren. Die Reaktion der Klasse war... fröhlich. Unterdessen habe ich mich mit dem Outsider-Trauma arrangiert: Musikalischer Fast Food hat keine Kalorien, dafür viel Gutelaunevitamin. Bei dümmlichen, süsslich-religiösen, sexistisch oder rassistisch gefärbten Texten höre ich einfach nicht hin..
Nun aber zurück zum Thema: Die Gratulationen morgens um neun gehen mir auf die Nerven. Okay, man darf sie einen Augenblick ins nationale Rampenlicht stellen, die Trudis und Neuenschwanders. Aber wozu?
Die Botschaft heisst: Sie leben noch. Bestimmte Radioprofis haben eigens einen subtil singenden Tonfall erlernt, um die verbalen Milchbröchli für ü95 und 60plus-Verheiratete vorzulesen und zu kommentieren. Aus jedem Satz spricht wohlmeinende Bemühtheit. Da wird von Kari geschwärmt, der 'noch' Kreuzworträtsel löst. Ursi schmeisst 'noch' den eigenen Haushalt, Frieda nimmt im Altersheim 'noch' rege am Tischgespräch teil, und - schlimmstenfalls - erträgt der 'liebe Herr Iseli' seine Altersgebresten mit viel Humor. Freut sich 'noch' über Besuche und alte Fotos. Wenn ich mir dieses verkitschte 'Noch'-Leben vorstelle, läuft es mir kalt den Rücken herunter.
Gut gemeint: Hoffentlich. Überhöht. Verniedlicht. Beschönigt. Warum soll, wer physisch und mental in Form ist, dafür gelobt werden, dass er oder sie sein Leben autonom gestaltet? Warum das Banale hervorheben, krampfhaft nach Positivem suchen? Nicht wenige dieser sehr Alten sind... anspruchsvoll. Im Klartext: Unzufrieden, uneinsichtig und egoistisch. Behandeln die, welche für sie sorgen, als Personal. Sie denken, Nachkommen und Pflegprofis seien verpflichtet, ihnen Wünsche von den Lippen abzulesen und zu erfüllen.
Die DRS Coupe AHV ist verlogen: Das 'noch' ist der verklausulierte Hinweis auf den nahenden Tod. Darüber zwischen Guggerzytli und Peter Alexander beredt zu schweigen, macht niemanden glücklich, der damit hadert. Und für die vielen Seniorinnen und Senioren, die mit der Endlichkeit ihres Daseins würdig umgehen, eigenverantwortlich denken und handeln, ist der klischierte Singsang besonders diskriminierend. Wie Inserate von NGO's, die 'wohlmeinend' unverschämt dazu aufzufordern, das Erbe zu spenden. Wie das gehätschelte Bild der alten Überforderten, das als Vorwand für Fortschrittsverweigerung herhalten muss: Die Liste liesse sich fortsetzen.
Mit '66 Jahren, da fängt das Leben an', singt Udo in der Musikwelle fast täglich. Bis zum Beginn des 'Noch'-Lebens 'noch' einen auf jung machen: Auch ein diskriminierendes Klischee. Sollte ich hundert Jahre alt werden, möchte ich keinen gutgemeinten Schaukelstuhl von der Gemeinde bekommen. Kein Bild mit Blumenstrauss in der Lokalpresse sehen. Und in der Musikwelle möchte ich, wenn schon, selbst zu Wort kommen: Ein Kapitel meines neusten Romans vorlesen, beispielsweise. Falls ich noch kann. Andernfalls... bitte würdevoll schweigen.
Locker bleiben. Bis ans Ende der letzten Etappe.
Einfacher geschrieben als gelebt. Auch Gutelaunemusik wirkt nicht Wunder.
Ein schöner Beitrag - hoffentlich liest jemand vom SRF mit :-)