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Literatur

  • vor 24 Minuten
  • 2 Min. Lesezeit

Ich stehe gerade ein bisschen neben den Schuhen. Der widerliche Winter dauert schon mindestens vier Monate zu lange, und ich muss warten. Auf den Frühling und das zweite Testexemplar von 'Level zwei'. Version 2.6, 101'000 Wörter. Vor der Publikation will ich den Roman von vorne bis hinten lesen - gedruckt, als Buch. Dann erst werde ich letzte Kleinigkeiten und Druckfehler korrigieren. Bis dahin hat der Textmensch Schreibverbot.

Pause. Gewöhnungsbedürftig. Zeit zum Nachdenken.

Der Kulturbetrieb ist und war nie mein Ding. Darum sehe ich mich weder als Literaten noch als ‘Künstler’. Steht so auf meiner Website gedankenzug.ch. Nein, kein Understatement aus falscher Bescheidenheit: Dass ich weder Germanist noch Journalist bin, betrachte ich als Vorteil. Mir fehlen vielleicht theoretische Grundlagen. Dafür schreibe ich unbelastet von heimlichen und unheimlichen Spielregeln. Schöpfe meine Gedanken und Geschichten aus einer andersartigen Lebenserfahrung.

Luzia Stettlers Lesezirkel konzentriert sich auf Werke von Schreibprofis: Sechs Bücher, seit ich teilnehme. Darunter drei Journalistinnen, die vierte Autorin hat nebst Psychologie auch Film und Drehbuch studiert. Die beiden männlichen Schriftsteller sind Germanisten.

Sechs Bücher, alle lesenswert, abwechslungsreich hinsichtlich Sprache und Aufbau. Keines dabei, das mich richtig mitreisst, das ich geschrieben haben möchte. Alle werden in Rezensionen beklatscht, Biedermanns 'Lázár' sogar als Meisterwerk gehandelt. Hinzu kommen Buchpreise und Deklarationen als 'Spiegel Bestseller': Der Literaturbetrieb ist eine Bubble. Vermutlich auch ein Haifischbecken. Ich fremdle.

Die Werke der drei Journalistinnen wirken auffällig vorformatiert: Kolumne. Systemkritik. Politische Reportage. Alle drei stellen eine Frauenfigur ins Zentrum, die sie selbst sein könnten: Eine Hauptperson, die verloren wirkt in ihrer Existenz, als steckte sie in einer Glaskugel. Die Stimmung ist mal euphorisch deprimiert - Doris Knecht, mal melancholisch endzeitlich - Kristine Bilkau, oder bei Hannah Lühmann erschreckend dystopisch und sehr 'deutsch'. Mit unüberhörbar feministischem Grundrauschen: Frau ist benachteiligt und Opfer; was Männer denken, bleibt Nebensache. Nichts gegen die Absicht, Frauen in den Mittelpunkt zu stellen. Mich stört die resignative Botschaft. Ist sie überhaupt gewollt?

Viele Bücher beweisen: Es geht auch anders. Bestes Beispiel ist die Rath-Serie: Volker Kutscher schafft es, Deutschlands düstere Jahre vor dem zweiten Weltkrieg zu sezieren, ohne schwarzweiss zu malen. Figuren zu schaffen, die menschlich sind. Bunt. Er stellt weder Gute auf den Sockel noch führt er Schauprozesse gegen Böse.

Nun aber: Sechs Bücher - sechsmal Tristesse. Lázár verbreitet Untergangsstimmung - von der Jahrhundertwende über den ersten Weltkrieg bis zu Hitler und Stalin. Die Flucht aus Ungarn in die Schweiz, 1956, wird zum Happy End. Bei Kaleb Erdmann weiss ich nach den ersten hundert Seiten noch nicht, was schlimmer ist: Sein mühsam bemühtes Dahintreiben als Autor in der Gegenwart? Oder das Trauma, das er als elfjähriger Zeuge eines Amoklaufs erlitten hat? Brutal sachlich bleibt Gundar-Goshen in ihrer Erzählung über die konfliktverseuchte israelische Gesellschaft: Die Realität ihres Alltags. Leiden ohne Wehleidigkeit. Lobenswert!

Summa summarum: Eine Überdosis Kulturpessimismus. Cui bono?

Zurück zu mir als Schreibdilettanten: Meine Romanpersonen haben auch ihre Probleme und erleben Tiefpunkte, aber sie verkriechen sich nicht in der Depression: Ich begebe mich gern in ihre Köpfe. Sie wollen ihr Leben gestalten. Freiheitlich. Meine Absicht? Leserinnen und Leser ermutigen, den Weg zu gehen, der für sie der richtige ist. Destination ist nicht eine Dreamworld, sondern die Zukunft. Durchwachsen positiv.

Damit gewinnt man vermutlich keinen Buchpreis.

Egal: Ich bin Textmensch, kein Textunternehmer: Mein Privileg.

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