Statistik
Gerade fliesst viel Tinte zum kantonalen Bruttoinlandprodukt. Die Kennzahl hat es in sich: Schon vor vierzig Jahren schaffte es der Satz 'Wir steigern das Bruttosozialprodukt' in die Hitparade. Als Song mit humorvoll-sarkastischem Text.
Die Band hiess Geier Sturzflug. Und tatsächlich: Neue Zahlen zeigen ausgerechnet das hippe Zürich im freien Fall. Allerdings sind weder Stadt noch Kanton bankrott. Das zuständige Bundesamt hat nur seine Statistik nach einem neuen Verfahren ermittelt. Genauer, sagen die Experten. Da gibt es, wie immer, Gewinner und Verlierer. Ein gefundenes Fressen für den Kantönligeist. Die Aasgeier bringen sich in Position.
Pro Kopf der Wohnbevölkerung heruntergerechnet, zeigt das kantonale BSP, wo Chrampfer bügle und wo fuli Sieche in der Hängematte liegen. Et voilà: Die vermeintlichen Bonvivants aus der Romandie - Genf und Waadt - stehen viel besser da als bisher. Auch Aussenseiter wie Neuchâtel oder Schaffhausen können mit neuen Zahlen prahlen. Das tut weh an der Limmat. Aber tröstet euch: Es geht nicht um Faule und Fleissige. Der statistische Zuwachs ist vor allem den Branchen mit besonders hoher Wertschöpfung geschuldet. Pharma. Uhrenindustrie. Rohstoffhandel: Wer mit kleiner Belegschaft viel Umsatz und Gewinn erzielt, wurde bisher bei der kantonalen Betrachtung zu wenig berücksichtigt. Ich behaupte nicht, dass diese Spezialistinnen und Wissenschafter eine ruhige Kugel schieben, aber das gilt ebenso wenig für Pflegende, Sanitärinstallateurinnen oder Mitarbeitende der Gastronomie.
Es war vorhersehbar: Nun benutzen die Welschen ihre neuen, glanzvollen Zahlen als Argument, den Ausbau der Eisenbahn in der Westschweiz zu forcieren. 'Whatever it takes!' Sogar Pierre Maudet, vielleicht nicht der sympathischste, aber bestimmt nicht der dümmste der Genfer Politiker, fordert es mit Nachdruck.
Hanebüchen. Ausbau der Infrastruktur ist keine Belohnung, und die neuen Zahlen sagen nichts aus über Verkehrsbedürfnisse. Ein paar wenige Broker oder Forschende verursachen weder Stau noch überfüllte Züge. Die Rohstoffe, die sie handeln, karren sie nicht via Genf nach Korea: Sie arbeiten am Bildschirm und brauchen keine Camions.
Blicken wir auf das andere Ende der Skala: Das Prokopf-BSP hat sich im Aargau und in Freiburg leicht negativ entwickelt. Ahnt ihr dasselbe wie ich? Hier ist die Bevölkerung überproportional gewachsen, weil die benachbarten prosperierenden Wirtschaftsräume als Wohnort zu teuer werden. Die Wirtschaftsleistung dieser Pendler bleibt bei margenstarken Unternehmen zum grossen Teil im Arbeitsplatzkanton, aber sie generieren Verkehrswachstum bis zum Wohnort. Kantonale Nabelschau ist irreführend: Die Reichweite der Arbeitsmärkte wächst, und das ist gut für Unternehmer wie für Angestellte.
Die Romands seien neidisch auf den Bahnhof Zürich, habe ich irgendwo gelesen. Blickt mal auf die Karte! Er sitzt wie die Spinne in einem weitverzweigten flächigen Netz, das vom Bernbiet zum Bodensee und Basel bis tief in die Alpentäler reicht. Es dient der gesamten Deutschschweiz und indirekt auch den Lateinern. Arc Lémanique und Arc Jurassien, die beiden frankophonen Wirtschaftslokomotiven, gleichen hingegen einem T, zwei an einem neuralgischen Punkt verbundenen Schläuchen, eingeklemmt zwischen topografischen Barrieren und Landesgrenzen. Hier wird nie ein Eisenbahnknoten wie Zürich entstehen.
Auch in der Westschweiz sind in den nächsten zwanzig Jahren grosse Investitionen nötig. Aber bitte sachlich sinnvoll argumentiert. Auf der Grundlage von Zielfahrplänen, wie ich kürzlich erklärte.
Statistiken lügen? Dummes Zeug.
Das tun die Opportunisten, die beliebige Zahlen für ihre Anliegen missbrauchen.
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