top of page

Muni

  • 24. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Die Nervosität in der Schweizer Politik steigt rascher als die frühsommerlichen Temperaturen: Die 10-Millionenschweiz kommt im Juni zur Abstimmung. Und über die neuen EU-Verträge streiten sich unsere Parlamentarier - nein, nicht in der Sache: Über das Ständemehr und welche Kommission dafür zuständig sein soll.

Da fühle ich mich als Blogger verpflichtet, Farbe zu bekennen. Kurz und schmerzlos: Eine geregelte Zusammenarbeit Schweiz-EU im allgemeinen und die Personenfreizügigkeit im Speziellen sind alternativlos. Nein zur SVP-Nachhaltigkeitsinitiative. Und, irgendwann, Ja zu den EU Verträgen.

Wieso? Der Kopfmensch bleibt emotionslos: Wir sind nun mal von EU-Staaten umgeben. Seine Nachbarn wählt man sich nicht aus. Man muss sie nicht bewundern oder lieben, aber sich gegenseitig respektieren. Abmachungen treffen. Unterschiedliche Interessen am Gartentor sachlich besprechen, statt hinter der Thujahecke übereinander zu lästern.

Die NZZ sieht es in ihrem neuesten Kommentar genau so. Schon der Titel - 'Hochmut kommt vor dem Fall' - lässt leider ahnen: Hier wird wieder mal der Mahnfinger erhoben. Format XXL. Wir, die Schweizer, werden gemassregelt. Weil 'wir' uns überschätzen. Abschotten in Ballenberg. Entschuldigung, Herr Häsler: An wen richten sie sich? An die NZZ-Leserinnen und Leser, die mehrheitlich nicht so ticken? Oder an diejenigen, die ihren Text sowieso nicht lesen? Warum schüren sie negative Emotionen wie ihre Gegner? Denn nicht nur SVP und 'bürgerliche Abweichler': Nolens volens beflügelt auch die Linke das JA-Lager. Lamento um Mieten und Wohnungsknappheit sind Wasser auf die Mühlen der Dichtestressapostel; Opposition gegen Infrastruktur- und Energieausbau das Gegenteil dessen, was die Mehralszehnmillionenschweiz braucht.

'Wir'. Nennt das Problem beim Namen, liebe Medien: Politiker und Politikerinnen aller Couleurs sind unfähig, Sachprobleme unideologisch anzugehen. Stimmt, 'wir' haben sie gewählt, aber nicht dazu, uns eine Schwarzweisswelt vorzugaukeln, wo die Nachbarn entweder Vorbilder sind oder Ekel.

Die EU zu einem Hort der Anständigen hochzustilisieren, ist eine ebenso groteske Übertreibung wie die Angstmacherei vor 'fremden Vögten'. Die EU predigt regelbasierte Zusammenarbeit und praktiziert den administrativen Herzinfarkt, aber sich abschotten führt nur zu anders gearteten Regelungsexzessen: Gegen aussen, weil jedes Detailproblem auf die höchste Ebene durchschlägt und separat gelöst werden muss. Im Innern, weil die Vertragslosigkeit an der Grenze innenpolitisch kompensiert werden muss.

Bitte, geschätzte liberale Kommentatoren: Bleibt auf dem Boden. Die EU ist ein hochgradig asymmetrisches Gebilde: Ideologisch-ängstlich die westlichen Mitglieder. Opportunistisch-grossmäulig die im Osten, wo sich, bei näheren Hinsehen, ostalgisch-russophile und alarmistisch-russophobe Gruppierungen gegenüberstehen - Chamäleone, die demokratisch-rechtsstaatliche Farbtöne annehmen und dabei martialisch-autokratisch träumen. In einem Punkt sind sie sich einig: Aus dem 'Westen' sollen Milliarden fliessen.

'Wir' Schweizer müssen uns nicht schämen: Den Kuhhandel beherrscht man in Warschau, Rom und Brüssel so perfekt wie am Thuner Munimärit. Aber es sind unsere Nachbarn. Wir haben keine anderen.

Muni. Das heimliche Symboltier der Schweiz. Mit dem Kopf durch die Wand. Hoselupf. Sich dann die Hand reichen und dem Unterlegenen das Sägemehl abklopfen. Ein Idyll. Weder Blocher noch Köppel oder Aeschi hausen in Ballenberg: Sie nutzen es nur als Dekor für ihre Selfies.

Stier. Der mythologische. Zeus, der Europa aus Phönizien (sic!) zwecks Paarung nach Kreta entführt. Sexistisch? Unser Göttervater heisst nun mal EU. Wir müssen nicht gleich mit ihm ins Bett, aber mit dem Muni gegen ihn anzutreten, wird seinen Testosteronspiegel nicht besänftigen. Wie die EU ihrerseits mit den übergriffigen Stieren aus Übersee, an der Wolga und in Fernost klarkommt, werden 'wir' - unabhängig vom Beziehungsstatus - nicht entscheidend beeinflussen können. Weder auf dem Rütli noch in einer Lobby in Brüssel.

Krass ausgedrückt? Ja.

Hochmut? Nein. Wie farbig, weiss oder schwarz wir uns die EU auch anmalen: An den Tatsachen ändert es nichts. Ballenberg ist auch für 9 Millionen zu klein. Malerisch, aber unkomfortabel. Nach einem Tagesausflug kehren wir gerne wieder in die Moderne zurück.

Vorbei an den Trauffer-Stieren in Hofstetten.

Wenn man ihnen kein rotes Tuch spienzelt, bleiben sie ganz friedlich.

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Flugzugzeug

Die Mobilitätsboninitiative heisst falsch. Aber das ist, finde ich, nicht ihr grösster Fehler.

 
 
 
Buchhalter

Sind 58 Jahre zur früh, um sich pensionieren zu lassen? Die Beantwortung dieser Frage dürfen wir weiterhin jedem Individuum überlassen. Findet der Blogger.

 
 
 
Drama

Die solide Schweizer Firma Stadler Rail als Dramaqueen: Geit's no? Hier die Meinung des Bloggers.

 
 
 

Kommentare


Schreibt mir, ich freue mich auf euer Feedback

Danke für die Nachricht!

© 2025 Gedankenzug. Erstellt mit Wix.com

bottom of page