top of page

'Romantisch' (2)

  • daehlert
  • vor 1 Tag
  • 2 Min. Lesezeit

Wie versprochen, komme ich auf das Thema zurück. In Anführungszeichen, da gänzlich unromantisch: Es geht ums liebe Geld. Die Individualbesteuerung will die fiskalische Ungleichbehandlung verheirateter und unverheirateter Paare abschaffen. Das finde ich gut.

Natürlich gibt es neue Verzerrungen. Wie ich schon mal bloggte: Jede Besteuerungsregel ist irgendwie absurd. Da wurde beispielhaft ein Hausmann ohne nennenswertes Einkommen ins Feld geführt, der eine Managerin mit einem Jahreseinkommen von mehreren hunderttausend Franken geehelicht hat. Die beiden führen das Leben der sehr oberen Mittelklasse. Nun wird er Steuern zahlen wie ein Sozialhilfeempfänger, die Grossverdienerin hingegen mehr als bisher das Ehepaar.

Nach der Heirats- nun die 'Tradwife-Strafe'? Gesellschaftskonservative Abstimmungsgegner fürchten nichts so sehr wie die Diskriminierung des klassischen Rollenmodells mit dem 'Ernährer'. Ungerechtigkeit oder rechte Polemik? Weder noch und beides. Wenn der erwähnte Nichtverdiener um neun Uhr den Reinigungsroboter auf Tour schickt und mit dem Hund Gassi geht, während Frauchen gerade einen satten Deal abschliesst und ihren Bonus äufnet, reden wir von einem Luxusproblem. Das gilt selbstverständlich auch für umgekehrte Geschlechterrollen.

Ehe heisst nicht Familie, Familie nicht Ehe. Falsch oder ungerecht ist die Inkonsequenz, dass Kinderbetreuung mal 'gratis' ist, mal kostet. Eltern, Grosseltern, die nette Nachbarin: 'Merci und bis zum nächsten Mal.' Krippe, Tagesmutter, Nanny: Lohnarbeit, manchmal mit, manchmal ohne Sozialtarif. Mit Konsequenzen: Wer Betreuungsarbeit für eigene Kinder leistet, scheidet ganz oder teilweise aus dem System 'Arbeitswelt' aus.

Das muss nicht sein, wenn jede Betreuungsarbeit monetarisiert würde. Warum fliesst für die vereinbarte Eigenleistung der Elternteile kein gegenseitiger Lohn? Dann gälten gleiche Spiesse für Elternzeit und Fremdbetreuung.

Ersetzen wir die Ehe durch staatlich privilegierte Vereinbarungen zu Wohngemeinschaft und Elternschaft, wie in meinem ersten Beitrag postuliert! Im Elternschaftsvertrag wäre zwingend zu regeln, wie die Eltern die Kosten für den Nachwuchs untereinander aufteilen: Dem Kindeswohl verpflichtet, aber möglichst individuell und nach geregeltem Verfahren an geänderte Situationen anpassbar. Nicht zwingend fifty-fifty. Diese Kosten wären steuerlich abzugsberechtigt. Kinder verstaatlichen? Nein, aber die Gesellschaft ist auf Nachkommen angewiesen. Ohne Abstriche bei den Errungenschaften des modernen Gesellschaftsbilds.

Elternschaft bleibt ein Wagnis. Umso wichtiger scheint mir, die emotional geführte Diskussion um die Vereinbarkeit von Job und Familie, Rollenklischees und Leistungsdruck zu versachlichen. Wir lesen immer wieder, dass Millennials und Gen Z keinen Lebenspartner finden, der ihren Ansprüchen genügt, und darum kinderlos bleiben. Räumen wir auf mit klischeehaften Bildern in den Köpfen: Eltern werden ist ein Projekt, vergleichbar mit einer Firmengründung. Der richtige Partner, die motivierte Partnerin dafür ist vielleicht nicht die Person, mit der man andere Interessen und das Bett teilt. Schon gar nicht lebenslänglich. Liebe und Sex kann, muss nicht.

Der Elternschaftsvertrag öffnet auch Perspektiven für gleichgeschlechtliche Paare, Dreierbeziehungen und Patchworkfamilien. Und wer konventionell leben möchte, schliesst eine Vereinbarung für Wohngemeinschaft ab. Alles andere ist Privatsache.

Und die Kinder? Ich bin überzeugt, dass in vielen Familien eine entspanntere Atmosphäre herrschen würde. Das Damoklesschwert 'Scheidung' wäre abgeschafft, denn Elternschaft dauert bis zur Volljährigkeit oder dem Abschluss der Erstausbildung. Und erhebt keine Ansprüche auf Exklusivität.

Ja, das ist heikel und tönt utopisch. Die Praxis wird, das möchte ich nicht klein reden, ziemlich kompliziert, aber der Aufwand wäre angemessen. Die offene Gesellschaft braucht endlich einen rechtlichen Rahmen, der ihrem Grad an Diversität entspricht. Und Gleichberechtigung und individuelle Autonomie unterstützt.

So, im dritten Beitrag rede ich dann von der Liebe. Versprochen.

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Romantisch (1)

'Das grosse Entlieben'? Unsere Gesellschaft ändert sich. Der Blogger schreibt auch Liebesgeschichten, also muss er sich dazu äussern.

 
 
 
Eiskalt

Lange habe ich mich gewehrt: Nun muss ich Frieden schliessen mit dem Krieg. Dank einem Buch war kürzlich Israel an der Reihe. Nun spielt mit das sibirische Wetter die Karte 'Russland vs Ukraine' zu.

 
 
 
Thujahecke

Wenn ein Architekturkritiker im reifen Alter vom Leder zieht, erwartet man auch 'reife' Argumente. Benedikt Loderer denkt nicht daran: Bei guter Architektur gehe es um Moral. Et voilà, da haben wir ih

 
 
 

Kommentare


Schreibt mir, ich freue mich auf euer Feedback

Danke für die Nachricht!

© 2025 Gedankengänge. Erstellt mit Wix.com

bottom of page