Karton
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Es gab die Steinzeit, die Bronze- und die Eisenzeit. Gerade leben wir in der Kartonzeit. Ihr glaubt, ich scherze? Beobachtet mal die Leute während den Öffnungszeiten der Wertstoffsammelstelle, vulgo 'Déchetterie'! Das digitale Kauferlebnis degeneriert zur analogen Entsorgungsplage. Denn erst muss 'unboxed', dann getrennt und gefaltet werden, bevor die Pressmaschine die braunen Monster verschluckt. Kleine Exemplare behalte ich für den Versand meiner Bücher. Ich habe noch welche; meldet euch also ungeniert!
Kartons sind Mode. Nicht nur bei Galaxus und Co., sondern auch in der gesellschaftspolitischen Debatte. Der woke Zeitgeist, angetreten, die Diskriminierung abzuschaffen, sortiert erst mal aus. Da gibt es die mit Samtstoff verkleideten Wohlfühlboxen für die Minderheiten und Opfer. Und die grossen, schmucklosen Behälter für die Sündenböcke: Weiss. Mann. Reich.
Und 'Alt'.
Ich habe gerade den Roman 'fünf, sechs, sieben, acht' von Ewald Arenz gelesen. Unbedingt empfehlenswert! Die Hauptfigur Anton ist ein Steptänzer, sechzig Jahre. Wie geht er mit seinem Alterungsprozess um? Existenzielle Frage für einen Bewegungskünstler. Kein Wunder, plagen ihn Verlustängste: Ein Unfall, und seine Karriere wäre am Ende. Die Kündigung des Vertrags am Theater stürzt ihn in die Krise. Denn: Tanz ist Gegenwart. Das Glücksgefühl des Könners und die verzauberten Momente seines Publikums lassen sich nicht konservieren. Sich zur Ruhe setzen und ein Lebenswerk geniessen ist keine Option.
Anton ist weder Opfer und tragischer Held. Seine Entourage hält ihm ziemlich schonungslos den Spiegel vor, und auf dem Tiefpunkt des Konflikts bezeichnet ihn die Tochter als 'alten, weissen Mann'. Autsch!
Und ich? Sein Alter vertuschen oder leugnen ist unsinnig. Bin ich jetzt alt? Näher beim Tod als mit fünfzig? Niemand weiss es. Graue Haare habe ich schon lange, Sixpack hingegen nie, und Bauch und Glatze bleiben mir bisher erspart. Alter ist ein universelles Merkmal: Jede und jeder hat eins. Ein Merkmal, wohlverstanden: Kein unwesentliches, aber nur eines unter Dutzenden, Hunderten. Soweit die Fakten.
Anton plagt die Frage, ob sein Leben anders hätte verlaufen können. Besser. Das Glas ist halb leer, und er ahnt, dass es nicht mehr voller wird. Mann, cis und hetero: Ist mit sechzig auch Schluss mit der Erotik?
Anton ist Anton. Ich bin ich. Wir tanzen auf unterschiedliche Weise durchs Leben, teilen das eine, unterscheiden uns durch anderes. Älter werden ist nichts Schlimmes. Hässlich ist bloss der Karton mit dem lieblos aufgepinselten 'Alt' und die Packungsbeilage: Vorurteile. Verallgemeinerungen. Verhaltenserwartungen. Bestimmt ist auch Wahres dabei, aber respektlos ausgedrückt. Da will ich nicht rein, verstanden? Auch in keine der anderen Boxen für die Schädlinge, die der Zeitgeist gebrandmarkt hat.
Die Menschheit: Das sind Milliarden von Individuen. Die will man in ein Dutzend Knastkartons stecken? In Kuschelboxen die unfreiwillig Viktimisierten? Ich bin alt, ein Mann, weiss und liberal. Ich möchte als Person für meine Qualitäten geschätzt und nicht als Exemplar eines Massenprodukts betrachtet werden. Keinen Spiegel vorgehalten bekommen, in dem ich mich mit bestem Willen nicht wiedererkenne.
Und Anton? Er hat ein Riesenglück! Die Tochter, ebenfalls Tänzerin und seine Nachfolgerin am Theater, widmet die erste Inszenierung dem alternden Mann. Nicht als Zerrbild, sondern als Liebeserklärung an den Vater. Und mit Aya, der talentierten Teenagerin, findet er viel mehr als eine dankbare Schülerin: Intimität der schönsten Art. Sechzig er, sie sechzehn, verbunden durch eine körperlich wie geistig fordernde Leidenschaft: Intimität der schönsten Art. Erotik ohne Sexstress.
Erotik? Wir alle möchten begehren dürfen und begehrt werden. Mann, Frau. Weiss, Schwarz. Jung, alt. Als Einzelstücke. Für unsere Qualitäten.
Begehrt. Nicht nach einem einzigen Merkmal aussortiert und im Abwesenheitsverfahren verurteilt.
Entsorgt diese verdammten Kartons!
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