Was ich dir sage
- vor 2 Tagen
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Was Anja Nunyola Glover schreibt, ist so persönlich, dass ihr Buch keine Rezension im üblichen Sinne zulässt. Was hier folgt, ist höchstens eine Einordnung. Das aufmüpfige Du ist angelehnt an das stilistische Konzept des besprochenen Textes und - bitte! - nicht als Respektlosigkeit zu interpretieren. Frau Glover ist mutig und will keine Likes, sondern Aufmerksamkeit. Meine ist, wie immer, kritisch.
Liebe Anja, ich habe dein Buch 'Was ich dir nicht sage' fertig gelesen. Du dankst mir dafür auf Seite 274. Das verbindet uns: Wir sind Textmenschen und möchten gelesen werden! Formulieren und Festhalten hat etwas Befreiendes. Ist dir die Selbsttherapie gelungen? Ich zweifle. Auch im dritten und letzten Kapitel 'Heilung' verhedderst du dich immer wieder in den Gedankenschlaufen, die dir nicht gut tun. Widersprichst dir oft, ohne es zu bemerken. Die wichtigste Frage bleibt offen: Was erwartest du nun konkret von MIR?
Über den Teil 'Verletzungen' habe ich schon einen Beitrag verfasst. Diesen möchte ich weder korrigieren noch wiederholen. Der systemische Rassismus ist ein wokes Konzept, es ist mir zu abstrakt, und du verkaufst es als Dogma. Du klopfst 'uns', deine weissen Dus, kräftig aus dem Busch. Provokation ist okay. Aber dann, so erlebe ich es, lässt du uns als naive und unsensible Idioten stehen. Die gibt es. Ich hoffe allerdings auf dein Verständnis, dass ich mich nicht 'mitgemeint' fühle. So grenzt du dich, irgendwie, selbst aus.
Ich möchte nun den Fokus auf dein Burnout richten. Du beschreibst es präzise und schonungslos. Was dir passiert, ist gleichzeitig irritierend und hoch spannend. Du hast alles auf die eine Karte gesetzt, den Ansichten einer kleinen Gruppe Überzeugter ausserhalb der Bubble zum Durchbruch zu verhelfen. Bloss: Aktivismus ist nicht Unternehmertum. Mir ist spontan Yaël Meier eingefallen: Ihr Engagement für die GenZ ist eine Businessidee; die Unternehmerin wird zur Aktivistin. Bei dir ist es gerade umgekehrt. Das ist sympathischer, aber riskant.
Beratungsresistente bösartige oder dummdreiste Rassisten lässt du rechts liegen. Das ist überraschend, aber wahrscheinlich klug. Dafür triffst du auf die 'Gutmenschen' und findest sie... nicht so gut. Ich teile deine Ansicht! Denn: Sie meinen es stets auch gut mit sich selbst. Baden im Wohlgefühl, dem Mob moralisch überlegen zu sein. Sie engagieren dich als Botschafterin für eine Sache, die sie für wichtig halten. Nebst vielen anderen: Es ist nicht ihr Lebensinhalt. Sie stören sich an deiner Aggressivität und perfektionistischen Kompromisslosigkeit. Dieses Wertegefälle ist Risiko Nummer zwei: Deine Dus sind Überforderte. Statt es dir zu sagen, weichen sie aus. Wiegeln ab. Täuschen Sachzwänge vor. Du merkst es und bist verletzt - exakt, was sie vermeiden wollten.
Du bezeichnest dich selbst als kämpferische Löwin. Wie schön! Das Problem: Sensibilisierung und Konfrontation sind zwei Dinge. Du willst wecken, nicht Frühstück zubereiten. Du leidest an der Repetition, 'immer wieder dasselbe zu erklären', dem Knochenjob jeder Pädagogin: Die Rolle passt nicht zu deinem Charakter. Das führt zu Risiko Nummer drei: Du bist zu sachmotiviert. Darum verschanzt du dich hinter einer Bastion von Argumenten und nimmst das Ergebnis jeder Diskussion vorweg. 'Ich habe recht!' Das ist leider nicht relevant. Wer gehört werden will, muss auch zuhören.
Zusammengefasst: Du hast dich in die Falle der selbst bewahrheitenden Prophezeiung manövriert und diskriminierst dich selbst. Immer wieder. Eine Art Autoimmunreaktion.
Zufälligerweise haben wir im Lesezirkel im Mai das Buch 'Grossmütter' von Melara Mvogdobo gelesen. Die Autorin, eine Generation älter als du, ist halb Luzernerin, halb Afrikanerin. Wie du thematisiert sie ihre Wurzeln und erzählt von zwei fiktiven Grossmüttern: Aus einer armen Bauernfamilie die Schweizerin, wahrscheinlich aus dem Entlebuch. Die Afrikanerin hingegen lebt in der kamerunischen Oberschicht. Beide sind Opfer konservativer Eltern und Gesellschaften. Jede trifft auf die falschen Männer. Patriarchat? Auch die Frauen im Umfeld helfen wacker mit, dass beide Grossmütter Opfer werden und bleiben. Sehr spät brechen sie aus und 'eman(n)zipieren' sich auf - naja, sagen wir mal - unkonventionelle Weise. Mir gefällt, wie Mvogdobo die ideologischen Fallen vermeidet: Es geht um Menschen. Individuen. Familien. Nicht um Hautfarbe. Nicht um klischierte soziale Milieus.
Zurück zu dir. Im dritten Teil deines Buchs überlegst du, was deine Nda - Grossmutter - aus Ghana dir erzählen möchte. 'Grossmütter' könnte dir die Richtung weisen.
Meine Enkelin ist da.' Ihr Vater ist Schweizer, sie lebt in Genf. Die Fünfzehnjährige und ihre Grossmutter mustern sich. 'Ich muss gestehen, sie ist mir fremd, wie sie dasitzt mit ihrer hellbraunen Haut und einem Blick, der so unbeirrt und selbstbewusst in die Welt guckt. Ich weiss nicht, ob ich mich darüber freuen oder mir den Neid, den ich empfinde, eingestehen soll. Ich beschliesse, beides zu tun.' Die junge Frau hat alles, was die alte im Leben vermisste. Für die Enkelin ist es selbstverständlich: Sie ist Schweizerin.
Und du, Anja? Du lebst in Europa. Keine Nichtprivilegierte zu sein, ist kein Privileg. Existenz ist von Genen geprägt, aber ebenso sehr von Zufällen, Umständen, Glück und Pech. Vor hundertfünfzig Jahren wurden Weisse wie Schwarze ausgenutzt. Überall. In Ghana, den USA und im Luzerner Hinterland. Heute geniessen 'wir' bei 'uns' umfassende Rechte. Wir leben in Freiheit. Nicht in einem 'System'! Aber auch der Rechtsstaat kann keine Gerechtigkeit garantieren: Die bleibt Ideal. Und subjektiv.
Präzise, etwas detailverliebt und wortgewaltig schreibst du dir dein persönliches Drama von der Seele. Anspruchsvoll. Lesenswert. Traurig. Wir, die weissen alten Männer mit Urgrossmüttern aus dem Emmental und dem Thuner Westamt, sind nicht deine Feinde. Wir freuen uns, dass du bei uns bist. Wir - du und ich - haben viel mehr gemeinsam, als du ahnst. Wahrhaben möchtest. Reden wir doch darüber, und nicht über Ideologien.
Schreibe ein neues Buch. Lasse deine Dus zu Wort kommen. Vielleicht würde es dir helfen, dich mit deiner Identität als Schweizerin zu versöhnen? Heimat ist ein Angebot. A prendre ou à laisser...

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